Manfred Weber gegen Nord Stream 2

Manfred Weber (CSU) möchte gern Chef der EU-Kommission werden. Und gibt sich schon mal ganz als Europäer („Bin nicht der deutsche Kandidat für die EU-Kommission“). Der sich auch gegen die Interessen der Bundesregierung stellt, wenn es aus seiner Sicht sein muss. So möchte er einen Baustopp der Ostsee-Erdgas-Pipeline Nord Stream 2, weil dieses Projekt nicht im Interesse der EU sei und die Abhängigkeit von russischen Rohstoffen erhöhe.

Nun, es steht außer Frage, dass direkte Gasleitungen von Russland nach Deutschland, nicht im Interesse mancher EU-Mitglieder sind. Insbesondere Polen (wo Manfred Weber seine  Ansichten verkündete). Genauso, wie es nicht im Interesse Österreichs ist, wenn Autofahrer direkt mit der Fähre von Friedrichshafen nach Romanshorn übersetzen, anstatt über Bregenz zu fahren und dort österreichische Mautgebühren zu löhnen. Weshalb aber kein deutscher Politiker auf den Gedanken käme, Österreich zuliebe diese Fährverbindung einzustellen.

Tatsächlich ist es so, dass Nord Stream und Nord Stream 2 Deutschlands Abhängigkeiten sogar verringern. Zwar nicht die von Russland, aber die von den Transitländern. Wir erinnern uns, dass der Russisch-Ukrainische Gasstreit 2008/2009 aus russischer Sicht dadurch ausgelöst wurde, dass die Ukraine mehr Gas abgezapft hatte, als sie bezahlt hatte. Leiden musste vor allem Südosteuropa. Bei Nord Stream kann das nicht passieren, da gibt es kein Transitland.

Und generell ist das Verlegen einer Gasleitung von Russland nach Deutschland ja nicht die Ursache, sondern die Folge der Abhängigkeit von russischem Erdgas: Wenn Deutschland das Gas gar nicht bräuchte, würde man die Leitung wohl kaum bauen. Wenn keine Braunkohle mehr gefördert wird. die deutschen Kernkraftwerke stillgelegt sind und Wind und Sonne bei weitem nicht so wehen bzw. scheinen wie die Greta-Jünger es sich erträumen, bleibt eigentlich nur noch Erdgas (und schnell regelbare Gaskraftwerke sind zudem die ökonomischste Lösung, um das fluktuierende Dargebot an Sonnen- und Windenergie auszugleichen) Und der nächstgelegene Großlieferant ist nun mal Russland (und die Atomkraftwerke im Land des anderen ach so europäisch gesinnten Nord Stream-Gegner Emmanuel Macron. Wobei dessen Gründe teilweise wohl noch etwas subtiler sind).

Und die Abhängigkeit ist durchaus gegenseitiger Natur: Deutschland braucht das Gas, und Russland das Geld. Deutschland ist mit 67,1 Milliarden Kubikmeter (2017) der größte Abnehmer russischen Gases (vor Großbritannien: 29,1 Milliarden Kubikmeter 2017). Und umgekehrt bezieht Deutschland etwa 40% seines Gasbedarfs aus RusslandGas kann nun mal nur vom einen zum anderen Ende der bestehenden Leitung geliefert und nicht eben mal so zu einem besser zahlenden Kunden umgeleitet werden (es sei denn als per Tanker transportiertes Flüssiggas. Was aber insgesamt wesentlich teurer ist als Gas aus der Leitung). Der Erdgasmarkt beruht deshalb stark auf Langzeitverträgen und festen Abnahmeverpflichtungen (Take or Pay: wenn weniger abgenommen wird, mus trotzdem die vereinbarte Menge bezahlt werden):

Nur in einem Punkt kann doch eine gewisse Abhängigkeit von Russland als Effekt von Nord Stream und Nord Stream 2 entstehen: Deutschland hat sich in dem Zusammenhang zur Abnahme bestimmter Gasmengen verpflichtet: Und könnte damit den Aufbau alternativer Strukturen, mittels welcher Energie ggf. auch von anderswo (allerdings zu in der Regel deutlich höheren Preisen!) beschafft werden könnte, vernachlässigen. Aber darum dürfte es Manfred Weber nicht gehen: Er will einfach den Top Job. Und ob er den bekommt, liegt nun mal nicht an den Wählern in Bayern (die bringen ihn als CSU-Spitzenkandidat sowieso ins Europaparlament, egal was er für Pläne verkündet), sondern am Wohlwollen von Leuten, denen eine sichere und preiswerte Erdgasversorgung Deutschlands weniger am Herzen liegt.

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