Unterwerfung

Am 6. Juni 2018 zeigte Das Erste die Eigenproduktion „Unterwerfung“ (hier in der Mediathek abrufbar) nach dem gleichnamigen Roman von Michel Houellebecq. Der Roman sorgte im Jahr 2015 für einige Furore. Auch weil die Titelseite der Ausgabe von Charlie Hebdo, die am Tag des Anschlags auf das Satiremagazin erschien, sich direkt auf Houellebecq und seinen Roman bezog (der genau an diesem Tag erstmals erschien). Der Plot: 2022 gewinnt ein Muslim die französische Präsidentschaftswahl, und danach ändert sich so einiges in Frankreich und Europa im Allgemeinen und im Leben des Protagonisten François im Besonderen. Wobei praktisch alle handelnden Personen des Romans ihre Vorteile aus der Situation zu ziehen scheinen. Sie gehören allerdings auch alle einem sehr exklusiven Kreis überbezahlter Geisteswissenschaftler an. Das gewöhnliche französische Volk spielt im Roman eher keine Rolle.

Und im Film entsprechend auch nicht. Wer hier einen Blockbuster mit Mord und Totschlag erwartet hätte, dürfte enttäuscht sein (auch wenn es ein paar Tote gab). Der Film beruhte nicht direkt auf dem Roman, sondern auf der gleichnamigen Theaterinszenierung, in welcher der Schauspieler Edgar Selge im Wesentlichen eine Solo-Rolle als François gibt und Zitate aus dem (in Ich-Erzählung gehalteten) Roman wiedergibt. Der Film wiederum, ebenfalls mit Edgar Selge in der Hauptrolle, zeigte zum einen Szenen aus der Theateraufführung (einschließlich der Reaktionen der Zuschauer insbesondere auf die wiedergegebenen Details aus dem Sexleben des Protagonisten, welche im Roman breiten Raum einnehmen), dann einige direkte Verfilmungen einiger Romanszenen (ebenfalls mit Edgar Selge als François) und schließlich einige Szenen mit Edgar Selge als Edgar Selge auf dem Weg zur Aufführung im Hamburger Deutschen Schauspielhaus 2017, im Umfeld der G20-Proteste, welche direkt in die Handlung eingebaut wurden. Wer den Roman nicht gelesen hat, auf den dürfte der Film etwas merkwürdig gewirkt haben.

Was aber auch am Roman selbst und an seiner Entstehungsgeschichte liegt. Ursprünglich wollte Houellebecq hier über einen Literaturwissenschaftler an der Pariser Sorbonne schreiben, welcher sich inmitten seiner Mid Life Crisis entschließt, die Lebensstationen seines Idols, des Autors Joris-Karl Huysmans (1848-1907) praktisch nachzuvollziehen. Aber irgendwie schaffte es Houellebecq dann nicht, seinen vereinsamten Genießertyp François ins Kloster zu schreiben und genau wie Huysmans zum frommen Katholiken werden zu lassen. Irgendwann kam Houellebecq die Idee, seinen François dann einfach zu einer anderen Religion zu führen, eben zum Islam (wobei der Roman und entsprechend auch der Film die Konversion nur als eine Vision darstellen und offen lassen, ob François sie tatsächlich vollzieht). Dazu brauchte es aber eine Rahmenhandlung, welche diesen Gang der Ereignisse überhaupt plausibel macht. Und hier entschied sich Houellebecq zu klotzen: es musste erst mal ein muslimischer Präsident her. Direkt nach dessen Amtsantritt wird die Sorbonne an die reichen Scheichs verkauft. Die dann das komplette nicht-muslimische Personal mit einer großzügigen Rente aufs Altenteil schicken und die Konversionswilligen mit einer noch großzügigeren Gehaltserhöhung ködern. Und zudem werden direkt auch noch die Vielehe und die Ehe mit Minderjährigen legalisiert, womit dann François nicht nur finanziell sondern auch sexuell ausgesorgt hätte, sollte er annehmen so wie viele seiner geisteswissenschaftlichen Kollegen vor ihm (einschließlich derjenigen mit zuvor erklärter Sympathie für die Identitäre Bewegung).

Und hier kommen dann merkwürdige Brüche ins Spiel. Die Huysmans-Story ist nach wie vor vorhanden, wirkt aber fast schon unnötig bis störend (im Film wird sie kurz angerissen, als der Protagonist mal eben ein paar Tage im Kloster verbringt). Und die Machtergreifung selbst: Als es auf die entscheidenden Wahlen zu geht, scheint Frankreich kurz vor dem Bürgerkrieg zu stehen. Nach der ersten Wahlrunde verfolgt François im Fernsehen interessiert die detailliert dargelegten politischen Ränkespiele, bei denen die unterlegenen Sozialisten und Konservativen versuchen, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen (und hier wird Houellebecq wohl am tiefgründigsten und versucht, ein einigermaßen plausibles Szenario zu entwickeln, siehe unten). Selbst zu wählen scheint François jedoch nicht, und es bleibt auch unklar, wem er den Sieg wünscht. Am Tag der Stichwahl schließt sich ganz Frankreich zu Hause ein, nur François flüchtet (im Film ein paar Tage vorher) über menschenleere Autobahnen und vorbei an erschossenem Raststätten-Personal aufs Land. Trotzdem gibt es laut Roman eine hohe Wahlbeteiligung. Und als dann Mohammed Ben Abbes Präsident ist (mit wie viel Prozent der Stimmen, bleibt unerwähnt), passiert – nun ja, so richtig gar nichts mehr, nicht der geringste Widerstand, auch fast keine Politik mehr, alles ist friedlich, Frankreich nimmt die Unterwerfung scheinbar einfach so hin. Und in François‘ Umgebung scheint man ohnehin nur Vorteile davon zu haben: im weiteren Romanverlauf geht es eigentlich nur noch darum, von diversen Huysmans-Ausflügen abgesehen.

Für Freunde der politischen Strategie ist damit der erste Teil es Romans definitiv am interessantesten. So stellte sich Houellebecq 2015 die erste Runde der französischen Präsidentschaftswahlen 2022 vor: der Amtsinhaber François Hollande (Parti Socialiste) tritt nicht erneut an (in der Realität geschah das schon bei der Präsidentschaftswahl 2017). Die Ergebnisse waren wie folgt:

  • Marine Le PenFront National (FN): 34,1%. 2017 waren es tatsächlich 21,3%.
  • Mohammed Ben Abbes, „La Fraternité musulmane“ (Muslim-Bruderschaft): 22,3%.
  • Manuel VallsParti socialiste (PS): 21,9%. Valls war seit dem 31. März 2014 und damit zum Zeitpunkt der Romanentstehung Premierminister der Französischen Republik. Am 6. Dezember 2016 trat er jedoch zurück, um sich für die Präsidentschaftswahl in Frankreich 2017 als Kandidat der PS zu bewerben. Er unterlag dann aber in der parteiinternen Stichwahl gegen den zum linken Flügel zählenden Benoît Hamon. Am 27. Juni 2017 trat er aus der Sozialistischen Partei aus. Kurz zuvor kandidierte er bei der Parlamentswahl am 11. und 18. Juni als unabhängiger Kandidat und schloss sich nach der Wahl der Fraktion von Macrons Partei La République en Marche an.
  • Jean-François Copé (UMP) 12,1%.  Copé war von 2012 bis 2014 Vorsitzender der UMP. Am 27. Mai 2014 trat er nach Vorwürfen über Finanz-Mauscheleien zurück. Copé ist zudem Bürgermeister der Stadt Meaux. Die UMP (Union pour un mouvement populaire) selbst wurde Ende Mai 2015 (also nach dem Erscheinen des Romans) in Les Républicains umbenannt. Sie gehört wie CDU und CSU der Europäischen Volkspartei (EVP) an.

Auf jeden Fall eine interessante Wahlarithmetik: 22,3% im ersten Wahlgang und nur 0,4 Prozentpunkte Vorsprung auf die Sozialisten genügten letztendlich, um Frankreich in eine Islamische Republik zu verwandeln. Und diese Vorhersage sollte in gewissem Sinne der Situation 2017 ziemlich nahe kommen: Es gab es in der ersten Runde einen Emporkömmling jenseits der traditionellen Blöcke mit ungefähr diesem Ergebnis:  Emmanuel Macron 24,0%. Und in der Stichwahl trat er dann gegen Le Pen an, das Ergebnis ist bekannt. D.h. 24% in der ersten Runde reichten im französischen Wahlsystem tatsächlich, um das bisherige Parteiensystem zu Fall zu bringen. Gut, dass es nur Macron war (der Vorsprung Macrons war etwas größer als der von Ben Abbes im Roman, nämlich 2,7 Prozentpunkte vor der Zweitplatzierten Le Pen, die ihrerseits 1,3 Prozentpunkte vor François Fillon, Les Républicains, einkam).

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