Präsidentschaftswahl in Russland: die regionalen Ergebnisse

Fast zwei Wochen sind seit der Präsidentschaftswahl in Russland vergangen. Zeit, um einmal die regionale Ergebnis Verteilung anzuschauen. Besonders interessant: Wie hat die Krim abgestimmt? Politisch besteht die Krim dabei aus zwei Teilen: der „Republik Krim“ und der Stadt Sewastopol (wobei diese Zweiteilung schon in der Ukraine bestand und mit der Bedeutung Sewastopols als russischer und bis 2014 zudem auch ukrainischer Flottenstützpunkt zu tun hat).

Die Wahlkommission hat die Ergebnisse auf der Ebene der sogenannten Föderationssubjekte in russischer Sprache veröffentlicht. Insgesamt besteht die Russische Föderation seit der Annexion der Krim aus 85 Subjekten mit unterschiedlichem Grad an symbolischer und tatsächlicher Autonomie. Die Städte Moskau, St. Petersburg und eben Sewastopol bilden eigene Subjekte. Bei den Wahlen kommen noch zwei Subjekte hinzu: Zum einen die Wähler im Ausland, zum anderen die Wähler in der in Kasachstan gelegenen, aber von Russland gepachteten Stadt Baikonur. Hier gelten eigene Gesetze, weshalb Baikonur nicht nur für seinen Kosmodrom berühmt ist, sondern auch als Steueroase.

Zunächst: Putin (77,5%) gewann überall. Metropole oder tiefste Taiga, mehrheitlich ethnisch russisch oder auch nicht, orthodox, muslimisch oder buddhistisch, stabil oder Konfliktregion, egal. Auf dem 2. Platz landete der Kommunist Pawel Grudinin (11,9%). In Jakutien (offiziell Republik Sacha) konnte er immerhin mehr als jeden 4. Wähler (27,5%) von sich überzeugen, und auch generell lagen seine Hochburgen im asiatischen Teil. Auf Platz 3 dann mit 5,7% der unverwüstliche Rechtsaußen Wladimir Schirinowski. Seinen Bestwert holte er mit 10,4% in der Republik Komi im äußersten Nordosten Europas. Schirinowskis Glanzzeit war 1993, als seine Liberal-Demokratische Partei Russlands bei der ersten Duma-Wahl nach dem Ende der Sowjetunion mit 22,9% zur stärksten Kraft wurde (2016 landete sie bei 13,1%). Ferner liefen die Kandidaten, welche man im Westen wohl gern vorn gesehen hätte: Xenija Sobtschak (1,7%) kam nur in St. Petersburg, Moskau und bei den Auslands-Wählern knapp über 4%, Grigori Jawlinski (1,1%) nur in St. Petersburg und Moskau über 3%. 32,5% der Wahlberechtigten blieben der Wahl fern, aber hier weiß man natürlich nicht, ob dies aus Protest, Mangel an Gelegenheit oder einfach Bequemlichkeit geschah. Aktive Verweigerung in Form ungültiger Stimmen machte landesweit nur 1,1% aus und variierte regional von 0,1% bis 1,7%. 

Im Folgenden ein detaillierteren Blick auf die regionalen Ergebnisse:

Stimmanteil von Wladimir Putin unter allen gültigen Stimmen (d.h. unter denjenigen, die sich nicht total verweigerten):

Am besten schnitt Putin mit 93,5% Prozent in der mehrheitlich muslimischen Kabardino-Balkarischen Republik ab. Sie umfasst u.a. den Elbrus, den höchsten Berg Russlands und ggf. Europas (je nachdem, wo man die Grenze zu Asien zieht). Auf Platz 2 folgt mit 93,1% schon die Republik Krim. Zum Vergleich: 2014 votierten hier 96,8% der Wähler für den Anschluss an Russland. Auf Platz 3 kam mit 92,6% die buddhistisch geprägte Republik Tuwa. Tuwa galt als zweites sozialistisches Land der Erde: Ab 1911 spaltete sich Tuwa (zeitweilig auch Tannu-Tuwa genannt) mit massiver russischer Hilfe nach und nach von China ab. 1921 wurde die „Volksrepublik Tuwa“ ausgerufen (3 Jahre vor der Mongolischen Volksrepublik). Diese wurde mehr und mehr zu einem Satellitenstaat der Sowjetunion, und 1944 dann in selbige eingegliedert. Platz 4, 5 und 7 belegen mit 91,8%, 91,2% und 88,0% wieder drei mehrheitlich muslimische Kaukasus-Republiken, nämlich TschetschenienDagestan und Karatschai-Tscherkessien. Dazwischen liegt auf Platz 6 mit 91,0% Sewastopol auf der Krim (hier votierten 2014 95,6% der Wähler für den Anschluss an Russland). Am schlechtesten schnitt Putin in den Grudinin-Hochburgen in Sibirien ab, aber selbst in Jakutien kam er noch auf 65,0%. In Moskau holte er 71,9%, in St. Petersburg 76,0%.

Wahlbeteiligung:

Die Wahlkommission ließ nichts unversucht: selbst zu den entlegensten Dörfern und Nomadenzelten wurden Wahlhelfer per Hubschrauber geschickt, und Anton Schkaplerow konnte auf der ISS abstimmen. Am höchsten war die Wahlbeteiligung mit 98,0% unter den Auslands-Wählern (gemeint sind hier offenbar nicht 98% aller im Ausland lebenden russischen Staatsbürger, sondern 98% derjenigen, welche sich für die Teilnahme an dieser Wahl im Ausland registriert haben), gefolgt von der Republik Tuwa (93,6%), dem  Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen (91,9%. Gelegen an der Mündung des Ob in den Arktischen Ozean, hier befinden sich 90% aller Erdgasvorkommen Russlands), Kabardino-Balkarien (91,7%) und Tschetschenien (91,5%). Am unteren Ende der Skala liegt die Oblast Irkutsk am Baikalsee (55,7%), wenig besser waren die Republik Karelien (57,1%) an der finnischen Grenze nördlich von St. Petersburg, die Oblast Nowgorod (57,3%) südlich von St. Petersburg, und die Oblast Twer (57,6%) nordwestlich von Moskau. In Moskau selbst lag die Wahlbeteiligung auch nur bei 59,8%, in St. Petersburg bei 63,7%, knapp unter dem nationalen Wert von 67,5%.

Und auf der Krim? Hier wurde der nationale Wert überboten: 71,5% in der Republik Krim und 71,4% in Sewastopol. Zum Vergleich: Beim Krim-Referendum 2014 wurden 83,1% bzw. 89,5% gemeldet. Und beim 2001 von der Ukraine durchgeführten Zensus bezeichneten sich 58,3% der Bevölkerung der Autonomen Republik Krim (wie sie in der Ukraine hieß) als ethnische Russen, 24,3% als ethnische Ukrainer und 12,0% als Krim-Tataren. In Sewastopol lagen die Anteile der ethnischen Russen und Ukrainer bei 71,6% und 22,4% (alle übrigen Nationalitäten machten individuell jeweils weniger 2 Prozent aus). Insbesondere für die Krim-Tataren (wir erinnern uns an Eurovision 2016wurden ja in einigen westlichen Medien schon düstere Zukunftsszenarien gemalt – geradezu als ob anderswo in Russland die Muslime brutal unterdrückt würden (warum wählen sie dann überproportional oft Putin?) und eine erneute Vertreibung wie zu Stalins Zeiten vor der Tür stände (was ethnische Säuberungen betrifft, hat übrigens die Ukraine durchaus eigene Traditionen aus der selben Zeit)  Die Zahlen deuten allerdings darauf hin, dass sich nicht nur die ethnischen Russen mit der neuen Situation arrangiert haben. 

Stimmanteil von Wladimir Putin unter allen Wahlberechtigten:

Putin wurde von 51,8%, also etwas mehr als jedem zweiten Wahlberechtigten, gewählt. Die höchste Zustimmung gab es in Tuwa (86,1%), Kabardino-Balkarien (85,6%) und Tschetschenien (83,7%), also drei Regionen, welche vom Buddhismus (Tuwa) bzw. Islam geprägt sind und wo die ethnischen Russen nur eine Minderheit bilden. Auf Platz 4 folgen die Auslands-Wähler (83,3%), dann mit Dagestan (79,4%) eine weitere muslimische Kaukasus-Republik, und erst auf Platz 6 mit dem Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen (78,6%) eine mehrheitlich von ethnischen Russen besiedelte Region (die Titularnation der Nenzen hat lediglich einen Anteil von 6 Prozent). Aber auch danach wird die Spitze der Rangliste noch von Föderationssubjekten mit ethnisch nicht-russischer Mehrheit dominiert. Mehrheitlich ethnisch russische Gebiete finden sich gerade mal auf Platz 9 (Oblast Kemerowo südlich von Nowosibirsk), Platz 11 und 12 (Autonomer Kreis der Tschuktschen im äußersten Nordosten Sibiriens und Republik Mordwinien rund 600 Kilometer südöstlich von Moskau, auch hier bilden die Titularnationen nur eine, wenn auch starke, Minderheit). Und dann sind wir auch schon in der Republik Krim, die mit 65,9% (Platz 13) ebenfalls deutlich über dem nationalen Durchschnitt und an 4. Stelle aller ethnisch mehrheitlich russischen Föderationssubjekte einkam. Auf Platz 14 die Oblast Brjansk im Dreiländereck Russland-Weißrussland-Ukraine, und auf Platz 15 mit 64,4% Sewastopol. D.h. auch hier stimmten fast zwei Drittel aller registrierten Wahlberechtigten für Putin. Die Zustimmung zum Wechsel der Krim von der Ukraine zu Russland dürfte hier also nach wie vor bei der Mehrheit der Bevölkerung ungebrochen sein. 

Am niedrigsten war die Zustimmung zu Putin am sibirischen und fernöstlichen Ende der Transsib: 39,9% in der Region Primorje40,6% in der Jüdischen Autonomen Oblast, je 40,7% in den Regionen Irkutsk und Omsk und 41,0% auf der Insel Sachalin (Anm.: Die Jüdische Autonome Oblast ist ein eigentümliches Relikt der Ära Stalins, welcher im fernen Sibirien an der chinesischen Grenze eine Art sowjetischen Judenstaat errichten wollte. Tatsächlich stellten die angesiedelten Juden selbst in den „besten“ Zeiten maximal ein Drittel der Bevölkerung, aber die wenigsten hielt es lange. Heute liegt der Anteil bei unter einem Prozent, aber der Name blieb). In Moskau lag die Zustimmung zu Putin bei 42,4%, in St. Petersburg bei 47,8%. 

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