Katalonien unabhängig?

Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Dieses sogenannte Böckenförde-Diktum (hier der vollständige Text) sollte man wohl der spanischen Regierung ins Stammbuch schreiben anlässlich der heutigen Volksabstimmung über die Unabhängigkeit Kataloniens. Es gibt letztendlich, außer Überzeugungsarbeit, keine Methode, mit welcher der Spanische Staat die Abspaltung Kataloniens verhindern kann, ohne dabei zu undemokratischen Methoden greifen zu müssen. Wir werden sehen, wie der Tag ausgeht.

Unabhängigkeit Kataloniens? Da wundern sich doch einige: Was soll diese Kleinstaaterei? Nun, wäre Katalonien ein selbständiger Mitgliedsstaat der Europäischen Union, läge er von der Fläche her in der Tat nur an 24. Stelle (vor Belgien, Slowenien, Zypern, Luxemburg und Malta), von der Bevölkerung her allerdings an 16. (vor Bulgarien, Dänemark, Finnland, der Slowakei, Irland, Kroatien, Litauen, Slowenien, Lettland, Estland, Zypern, Luxemburg und Malta). Und es gehört irgendwo zu den Paradoxien der EU, dass sie derartige Abspaltungspläne eben auch attraktiv macht: Zum einen gibt sie eben kleinen Ländern überproportional viel Stimmgewicht. Zum anderen ist der im Falle einer Unabhängigkeit zu treibende Aufwand für den neuen Staat geringer, als er noch vor Jahrzehnten gewesen wäre, da eben viele Befugnisse ohnehin nicht mehr bei den Nationalstaaten liegen (insbesondere die Währungspolitik!). Und schließlich bedeutet die Freizügigkeit innerhalb der EU, dass eine Abspaltung Kataloniens weitestgehend unkritisch wäre für die in Katalonien lebenden (Rest-)Spanier bzw. die im übrigen Spanien lebenden Katalanen. Trotzdem würde eine Abspaltung natürlich auch Nachteile für Katalonien bringen (und hier müsste die Überzeugungsarbeit ansetzen). Insbesondere würde ja dann das Prestige-Duell Real gegen Barca wegfallen. Die katalanische Fußballmeisterschaft dürfte nach Lage der Dinge gähnend langweilig werden.

Aber gehört denn Katalonien nicht schon seit Menschengedenken zu Spanien, waren die überhaupt schon mal unabhängig? Die Katalanen selbst datieren den Verlust ihrer Selbständigkeit ja gern auf den 11. September 1714, als sich Barcelona den Truppen Philipps V. ergab, welcher danach in der Tat alle bestehenden eigenständigen katalanischen Strukturen auflöste und somit Katalonien vollständig in den spanischen Zentralstaat integrierte. Allerdings, zu Spanien gehörte Katalonien auch zuvor schon – die Katalanen wollten eben nur nach dem Tod des kinderlos gebliebenen Karl II. nicht Philipp als König, sondern lieber den Habsburger Erzherzog Karl. Welcher iSpanischen Erbfolgekrieg (1700–1713) dann allerdings unterlag, und ein Jahr später ging Philipp dann auf Rachefeldzug.  

Als Gründer Kataloniens gilt der im Jahr 897 verstorbene Graf Wilfried der Haarige. Er vereinige mehrere auf dem Boden des heutigen Katalonien liegenden Grafschaften und begründete die Dynastie der Grafen von Barcelona. Zunächst waren diese Grafschaften noch Teil des Westfrankenreichs, konnten sich aber gegen Ende des 10. Jahrhunderts von selbigem lösen. Im Jahr 1137 schloss dann Raimund Berengar IV., Graf von Barcelona, einen Ehevertrag mit der erst einjährigen (!) Petronella von Aragón, Erbin des westlich an Katalonien angrenzenden Königreiches Aragón (die Hochzeit selbst fand dann 1151 statt, da war Petronella 15 und Raimund 38 Jahre alt. 1157 wurde der Thronfolger Alfons geboren). Damit entstand die Krone Aragóns, eine Personalunion unabhängiger (und auch verschiedene Sprachen sprechender) Staaten überwiegend auf dem Gebiet des heutigen Spaniens und später auch Italiens. Wenn man so will, war dies zwar einerseits der Gründungsmoment einer Großmacht, aber gleichzeitig auch der Beginn vom Ende der katalanischen Souveränität – ab sofort waren Katalonien und seine weitere Entwicklung mit zumindest Teilen des heutigen Spaniens fest verbunden. Die Katalanen und Aragonier beteiligten sich auch eifrig an der Reconquista, wodurch sich die ursprünglich nur in den östlichen Pyrenäen beiderseits der heutigen französisch-spanischen Grenze gesprochene katalanische Sprache entlang der Mittelmeerküste nach Süden ausbreitete (Katalanisch ist heute Amtssprache nicht nur in Katalonien, sondern auch auf den Balearen und in Valencia, jeweils neben Spanisch. Zudem ist es Amtssprache in Andorra sowie Regionalsprache im französischen Roussillon (Département Pyrénées Orientales). Katalanische Sprachminderheiten gibt es zudem auch in den spanischen Autonomen Gemeinschaften Murcia und Aragonien, und sogar in der sardinischen Stadt Alghero  Was manche katalanische Nationalisten von einem Groß-Katalonien träumen lässt, in den übrigen genannten Gebieten stößt dies jedoch bislang kaum auf Sympathie). Am 14. Dezember 1319 wurde vertraglich festgelegt, dass die Grafschaft Barcelona und die Königreiche Aragonien und Valencia für immer unter demselben Herrscher zusammenbleiben sollten. Eine Unabhängigkeit Kataloniens würde diesen Unteilbarkeitsbeschluss erstmalig dauerhaft brechen.

Der nächste große Hochzeitsakt war dann 1469: Ferdinand, Erbe der Krone Aragoniens, ehelichte seine Cousine Isabella, Erbin von Kastilien. Sie gingen als die Katholischen Könige (Los Reyes Católicos) in die Geschichte ein. Spanien war geboren (wenngleich zunächst, genau wie die Krone Aragóns, als Personalunion unabhängiger Staaten. Der Titel „König von Spanien“ wurde formal erst im 19. Jahrhundert eingeführt). In die Regierungszeit der Katholischen Könige fiel dann auch die Entdeckung Amerikas 1492 – und Barcelona war der Hafen, in welchem Christopher Kolumbus 1493 nach Spanien zurückkehrte (Kolumbus erreichte am 17. Februar 1493 zunächst die zu Portugal gehörenden Azoren und musste dann am 4. März wegen eines schweren Sturms in Lissabon Schutz suchen. Er traf hier auch den portugiesischen König, der nicht wirklich begeistert war, aber Kolumbus ziehen ließ. Am 15. März 1493 traf er dann in Barcelona ein).

Aber ein Einheitsstaat war das nun zur Weltmacht aufgestiegene Spanien eben noch lange nicht, und es gab immer wieder separatistischen Bewegungen. Während des Französisch-Spanischen Krieg von 1635–1659 gelang Portugal (welches seit 1580 ebenfalls zur Personalunion dazugehörte) die Abspaltung, Katalonien und Aragon hingegen blieben trotz aller Bemühungen mit Madrid verbunden (die katalanischen Territorien nördlich der Pyrenäen, das sogenannte Rosselló bzw. Roussillon, fielen an Frankreich, wozu sie bis heute gehören). Und dann kam das bereits oben diskutierte Ende jeder Form katalanischer Eigenständigkeit mit dem Spanischen Erbfolgekrieg (1700–1713). Nur episodisch wurde Katalonien noch einmal vom übrigen Spanien getrennt – 1812-1814 wurde es unter Napoleon Frankreich angegliedert. Erst 1931, während der Zweiten Republik, erhielt Katalonien wieder eine Autonomie, die schon 1934 wieder suspendiert wurde. Und dann kam der Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939), in welchem Katalonien auf republikanischer Seite stand und zur Hochburg der Anarchie wurde. Mit Francos Sieg war dieser Traum dann auch wieder vorbei. Nach seinem Tod wurde dann Spanien ab 1978 in einen Förderalstaat, bestehend aus 17 Autonomen Gemeinschaften, umgewandelt. Wobei Katalonien hier deutlich stärkere eigene Befugnisse bekam als die meisten anderen 16 (so verfügt Katalonien über eine eigene Polizeieinheit, die Mossos d’Esquadra). Die letzte Neufassung des Autonomiestatut erfolgte 2006. Aber vielen Katalanen reicht das eben immer noch nicht, sie wollen den eigen Staat.

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