Saarland: Wo sind all die Piraten hin?

Das Saarland hat das Superwahljahr 2017 eröffnet. Laut vorläufigem amtlichen Endergebnis strömten 48.500 (exakt!) mehr Wähler zu den Urnen als 2012 (insgesamt gab es 774.947 Wahlberechtigte, von den 540.091 ihr Wahlrecht wahrnahmen). Und die CDU holte 47.600 mehr Stimmen als 2012 – als ob all das zusätzliche Wahlvolk nur gekommen war um ihre liebe Annegret vor dem umgehenden Sankt Martin zu schützen.

Und noch ein weiterer Zahlenvergleich ist verdächtig Die Piratenpartei verlor 31.700
ihrer 35.700 Wähler von 2012 – und die erstmals angetretenen AfD holte 32.900 Stimmen. Nanu? Hat da jemand jede Menge Ex-Piraten-Wähler auf rechts gedreht? Oder schlimmer: Verdankten die Piraten ihren zeitweiligen Höhenflug zum Großteil Wählern, die nach jeglicher in Piratenkreisen üblichen Definition auch 2012 schon zumindest heimlich „rechts“ waren?

Vor einem detaillierteren Blick auf die Wählerwanderung hier noch die Gewinne bzw. Verluste der übrigen Parteien:  Die SPD gewann etwa 10.700 Wähler (einen kleinen Schulz-Effekt gab es also doch), die Linken verloren gleichzeitig etwa 9.000 und die Grünen 2.900 Wähler. Also trotz des Piraten-Untergangs ein Verlust von 1.200 Wählern bei Rot-Rot-Grün. Und Zwangsabstieg für die Grünen (zum letzten Mal geschah dies übrigens 2016 in Mecklenburg-Vorpommern, und davor 2006 in Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt). Die FDP gewann mehr als 11.500 Wähler, da sie 2012 allerdings mit nur 5.900 Wählern oder 1,2% sogar noch hinter der Familienpartei ankam, reichte dieser massive Zuwachs nicht zum Wiedereinzug. Alle übrigen Parteien verloren etwa 7.000 Wähler. Und es gab etwa 3.700 weniger ungültige Stimmen als 2012 (und somit 52.200 mehr gültige Stimmen als 2012).

Auf tagesschau.de wurden direkt nach der Wahl Analysen zur Wählerwanderung veröffentlicht. Hier wurde zwischen CDU, SPD, Linken, Grünen, AfD, Nichtwählern und „Anderen“ entschieden. Diese „Anderen“ gewannen 3.000 Stimmen von den Nichtwählern, verloren aber gleichzeitig 28.000 Stimmen: 11.000 an die AfD, 10.000 an die CDU, 5.000 an die SPD und je 1.000 an Linke und Grüne. Wenn man annimmt, dass diese Verluste der „Anderen“ an AfD und CDU komplett zu Lasten der Piraten fielen, hätten also zwei Drittel der Piraten-Wähler von 2012 das linke Lager verlassen (je ein Drittel zur AfD und zur CDU. In der Realität gab es zudem sicher auch eine Wanderung von den Piraten zur FDP). Gut, das ist wohl eher eine Obergrenze: Tatsächlich dürften auch einige der 5.900 FDP-Wähler von 2012 diesmal AfD gewählt haben, dafür dürfte die FDP aber von der CDU gewonnen haben. Und entsprechend müssten dann sogar mehr als nur 10.000 Wähler von den Piraten und den anderen „Anderen“ zur CDU übergelaufen sei. Die NPD verlor fast 2.000 Wähler, die gingen sicher eher zur AfD als zur CDU. Aber selbst wenn man mal großzügig annimmt dass etwa 5.000 der 11.000 Wanderer von den „Anderen“ zur AfD aus den Reihen der Wähler von FDP, NPD und anderen Kleinparteien kamen, wären dann immer noch etwa 6.000 Piraten-Wähler von 2012, d.h. etwa jeder sechste, zur AfD gewandert. Und wen man dazu wie oben 10.000 Wanderer von den Piraten zur CDU annimmt, wäre dann immer noch jeder zweite Piraten-Wähler von 2012 aus dem linken Lager abgewandert. Die Wahrheit dürfte wohl dazwischen liegen.

Und wo bekam die AfD sonst ihre Stimmen her? Größter Lieferant der 30.000 AfD-Stimmen waren mit 11.000 Stimmen also die „Anderen“. 8.000 Wähler kamen aus den Reihen der Nichtwähler. Je 4.000 AfD-Wähler stimmten 2012 noch für die CDU sowie die Linke, und die verbleibenden 3.000 kamen von der SPD. Nur von den Grünen zur AfD gab es demnach keine signifikante Wählerwanderung  (wobei nicht ganz ausgeschlossen ist, dass dies eine a priori Annahme der Analysten war. Letztendlich basieren diese Wählerwanderungsanalysen nicht auf Wählerbefragungen, sondern sind ein Rechenmodell, welches auf den Ergebnissen der Wahlen von 2012 und 2017 beruht). Also selbst wenn man mal die Unsicherheiten hinsichtlich der genauen Zusammensetzung der „Anderen“ beiseite lässt, hat die AfD doch deutlich im linken Lager gewildert: Etwa jeder vierte AfD-Wähler kam von SPD und Linken (und vielleicht noch mal ebenso viele oder sogar mehr von den Piraten), aber nur jeder Achte von der CDU.

Ansonsten: Die CDU gewann 28.000 Nichtwähler (also etwa jeder zweite Nichtwähler von 2012, der diesmal wählen ging, wählte CDU), und zudem 10.000 Wähler von den „Anderen“, 8.000 von der SPD, 5.000 von den Grünen und 3.000 von den Linken. Die SPD konnte immerhin 13.000 bisherige Nichtwähler überzeugen und schröpfte zudem ein wenig die „Anderen“ (5.000), Linken (3.000) und Grüne (2.000). Und selbst Linke und Grüne konnten noch 3.000 bzw. 1.000 Wahlmuffel von 2012 neu motivieren, und die Linken nahmen den Grünen 1.000 Wähler ab. Es gingen also mehr Wähler von den Grünen zur CDU als zu SPD und Linken zusammen, und auch die Linke gab genauso viel Stimmen an die CDU ab wie an die SPD (und noch etwas mehr, nämlich 4.000, an die AfD), d.h. die Mehrzahl der verlorenen Wähler dieser beiden Parteien wechselte das politische Lager.

Es war somit nicht allein das Charisma von Annegret Kramp-Karrenbauer, der jede Chance auf eine Linksregierung zerstörte. Auch die AfD und die für die Grünen fatale 5%-Hürde spielten eine gewisse Rolle,  Und das fehlende Wollen bei SPD und Grünen wohl auch. Denn: Rechnerisch hätte es von 2009 bis jetzt eine Linksregierung geben können. 2009 verlor die CDU ihre absolute Mehrheit, und die frisch Oskar-prämierte Linke zog mit zuvor und seitdem in den alten Bundesländern unerreichten 21,3% in den Landtag ein. SPD (13), Linke (11) und Grüne (3) hatten nun eine Mehrheit von 27 der 51 Sitze.Gebildet wurde jedoch die Jamaika-Koalition aus CDU (19), FDP (5) und Grünen. Diese hielt bis 2012, und es kam zu vorgezogenen Neuwahlen. Jetzt hatten SPD (17) und Linke (9) sogar 7 Sitze mehr als die CDU (19), und dazu kamen Piraten (4) und Grüne (2). CDU und SPD hatten allerdings schon vor der Wahl die Bildung einer großen Koalition verabredet (hätte man im Grunde auch ohne Neuwahlen gekonnt), Und nun 2017: SPD (17) und Linke (7) haben nur noch genauso viel Sitze wie die CDU (24), und dann ist da noch die AfD (3). Der saarländische Landtag ist nun der einer von drei Landtagen (bei insgesamt 11 Landtagen mit AfD-Präsenz), in welchen CDU und AfD gemeinsam die Mehrheit haben, eine Linksregierung somit rechnerisch unmöglich und eine Regierungsbeteiligung der CDU alternativlos ist (die beiden anderen sind Sachsen, wo es seit der Wende noch nie eine linke Mehrheit gab, und Sachsen-Anhalt, wo nun selbst CDU und SPD gemeinsam keine Mehrheit mehr haben).

Advertisements

2 Gedanken zu „Saarland: Wo sind all die Piraten hin?

  1. Pingback: Saarland: AfD nicht überragend aber drin, LKR tot | professorenpartei.de

  2. Pingback: Landtagswahlen 2017: Schulz, aus, vorbei | professorenpartei.de

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s