Zinsen und Vertrauen im Osmanischen Reich

Christen und Juden zahlten in Istanbul im 17. und 18. Jahrhundert etwa 2 Prozentpunkte weniger Zinsen für Kredite als Muslime. Dieses Ergebnis einer Analyse der Akten verschiedener Istanbuler Gerichtshöfe für den Zeitraum 1602-1799 wurde in einer wissenschaftlichen Arbeit von Timur Kuran und Jared Rubin im März 2016 publiziert. Konkret ging es dabei um Verträge zwischen natürlichen Personen (juristische Personen kennt das islamische Recht nicht), welche vor Gericht registriert wurden, damit der Gläubiger später einen Beweis hatte. Dabei kam Folgendes heraus: Muslime, welche sich bei einem Glaubensbruder Geld liehen, zahlten durchschnittlich etwa 14% Nominalzins (entsprach im Durchschnitt 20% Realzins). Nicht-Muslime hingegen bekamen schon für 12% Nominalzins ähnliche Kredite von muslimischen Geldverleihern eingeräumt. Aber nicht nur bei der Religion gab es Unterschiede, sondern auch beim Geschlecht: Waren beide Vertragspartner männlich, lagen die Zinsen durchschnittlich bei 14% Nominalzins. Frauen hingegen wurden von männlichen Geldverleihern schon für 12% Nominalzins bedient.

Auf den ersten Blick sieht dies ganz toll aus für Christen, Juden und Frauen. Auf den zweiten Blick wirft es jedoch ein Schlaglicht auf die Beziehungen zwischen islamischem Recht und Ökonomie, wie auch in diesem Artikel von Timur Karun, einem der beiden Studien-Autoren, auf qantara.de gut erklärt wird. Oft wird ja behauptet, dass der Islam wesentlich förderlicher für Wirtschaft, Handel, Wissenschaft etc. sei als das Christentum. Was man vor allem am riesigen wirtschaftlichen und intellektuellen Vorsprung der islamischen Welt gegenüber Europa im Mittelalter ablesen kann. Zumindest bis zu dem Moment, wo Mongolen, Kreuzfahrer, Rekonquistadoren etc. oder eventuell auch die abnehmende Glaubensfestigkeit der Muslime alles kaputtmachten. Der Islam war am Niedergang der islamischen Welt auf keinen Fall schuld. Oder?

Zurück zu den Zinsen: die Zinshöhe spiegelt das Risiko wieder, die verliehene Summe nicht zurück zu bekommen, etwa weil der Schuldner pleite gegangen ist, sich aus dem Staub gemacht hat oder vor Gericht erfolgreich den Vertrag anfechtet. Das Verschwinden wäre z.B Frauen wesentlich schwerer gefallen als Männern. Und vor Gericht hatten Christen und Juden deutlich schlechtere Karten als Muslime: Streitigkeiten zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen (sowie zwischen Muslimen untereinander) mussten zwingend vor muslimischen Gerichten ausgefochten werden, welche nach islamischen Recht urteilten, nur mit Muslimen besetzt waren, und wo Zeugenaussagen von Nicht-Muslimen gegen Muslime (oder auch von Frauen gegen Männer) in der Regel nicht akzeptiert wurden. Nur bei Streitigkeiten von Christen oder Juden untereinander hingegen hatten diese die Wahl: sie konnten vor ein muslimisches Gericht ziehen, konnten die Dinge aber auch vor eigenen Gerichten ihrer jeweiligen Gemeinde klären.  D.h. Christen und Juden (und Frauen) hatten einfach weniger Chancen, unehrlich oder unzuverlässig zu sein als Muslime. Und wurden dafür mit niedrigeren Kreditzinsen belohnt.

Völlig rechtlos waren Christen und Juden aber offenbar auch nicht (vor allem wenn man sie mit der Position von Juden in vielen europäischen Ländern vergleicht) – sonst wäre der Geldverleih an Christen und Juden auch ein riskantes Geschäft gewesen. Und auch Frauen hatten auf jeden Fall ein eigenes Budget über das sie selbst verfügen konnten.

Die These wird dadurch gestützt, dass es neben Religion und Geschlecht offenbar noch ein drittes Kriterium gab was die Kredithöhe bestimmte: der soziale Status. Offenbar traute man der Elite nicht, also den Trägern von Titeln wie Efendi, Çelebi, Ağa, Bey, Beşe, El-Hac, Çavuş und wie sie alle hießen. Das gewöhnliche Volk lieh einander durchschnittlich zu 13% Nominalzins, und von einem Angehörige der Elite konnte ein gewöhnlicher Bürger sogar schon für durchschnittlich 12% einen Kredit bekommen. Im umgekehrten Fall, also wenn ein Angehöriger der Elite Geld von einem gewöhnlichen Bürger haben wollte, gingen die Nominalzinsen auf 14% hoch. Und vor allem die Eliten untereinander waren offenbar äußerst misstrauisch – 16% waren üblich.

Wurzel des Übels ist offenbar das islamische Rechtssystem. Dieses System schafft letztendlich eine Hierachie: Männer stehen über Frauen, Muslime stehen über Christen und Juden und diese wiederum über den Heiden. Und bei den Muslimen wiederum stehen diejenigen oben, welche als besonders gute Muslime gelten, da sie regelmäßig ihre Gebete verrichten, sich im Koran scheinbar oder tatsächlich einigermaßen auskennen, nach Mekka gepilgert sind etc. Der Preis dafür: mit ansteigendem Rang in der Hierarchie schwand das Vertrauen. Diejenigen, welche aufgrund ihrer gesellschaftlichen Position am ehesten den Fortschritt vorantreiben können, galten als am wenigsten kreditwürdig. Man vertraute nur der eigenen Verwandtschaft (wenn überhaupt), ökonomische Gemeinschaftsprojekte über den eigenen Familienkreis hinaus blieben die Ausnahme. Ganz anders im Westen: der Aufstieg der Niederlande zur Seemacht basiert letztendlich auf derartigem gemeinschaftlichen Handeln: die Niederländische Ostindien-Kompanie
stellte eine der ersten Aktiengesellschaften der Welt dar.

In der islamischen Welt konnten sich derweil offenbar diejenigen Länder und Regionen glücklich schätzen, in denen eine größere Zahl Christen oder Juden lebte. Denn diese genossen offensichtlich doch einiges Vertrauen über die Familienbande hinaus und agierten so als Wirtschaftsmotor. Bis heute gibt es laut Timur Kuran Belege dafür, dass Kunden, Händler und Investoren die örtlichen Christen vielerorts für vertrauenswürdiger halten als die örtlichen Muslime.

Unter sich zu sein ist für die Muslime in den meisten islamischen Ländern historisch gesehen eine neue Erfahrung. Aus der heutigen Türkei verschwanden die Christen erst im 1. Weltkrieg (Armenier-Genozid) sowie im bzw. nach dem Griechisch-Türkischen Krieg 1919–1922. In Nordafrika westlich von Ägypten, sowie im Jemen, spielte zwar das Christentum (von der Kolonialzeit abgesehen) keine Rolle: sehr wohl aber das Judentum: In Marokko gab es noch lange nach dem 2. Weltkrieg Städte und Dörfer mit jüdischer Bevölkerungsmehrheit, bis die Juden dann nach dem 2. Weltkrieg und der Entstehung Israels das Land in großen Scharen verließen. Und in Syrien und im Irak findet der Exodus der Christen jetzt statt. D.h., das allgemeine Misstrauen in der islamischen Welt ist jetzt so groß wie nie.

Anm 1: Oben wurden die Fälle des Geldverleihs Muslim zu Muslim, Muslim zu Nicht-Muslim, Mann zu Mann und Mann zu Frau betrachtet. Die übrigen möglichen Kombinationen traten seltener auf, aber es gab sie. Der Fall des Geldverleihs von Nicht-Muslim zu Muslim kam unter allen analysierten Transaktionen nur zweimal vor, die Empfänger waren hier mit durchschnittlich 12% Nominalzins ähnlich gut bedient wie Nicht-Muslime bei muslimischen Geldverleihern. Zum Vergleich: In 304 analysierten Fällen waren beide Vertragsparteien Muslime, in 153 Fällen der Gläubiger Muslim und der Schuldner Nicht-Muslim. Die höchsten Zinsen gab es in den 21 Transaktionen von Nicht-Muslime untereinander: 18% Nominalzins. Dies betrifft allerdings nur Fälle, welche vor den analysierten muslimischen Gerichtshöfen registriert wurden (Christen und Juden hatten die Wahl zwischen muslimischen Gerichten und eigenen christlichen bzw. jüdischen Gerichten, die nicht Teil der Analyse waren). Frauen verliehen 16mal ihr Geld an Männer, zu vergleichsweise hohen 18% Nominalzins. 10mal verliehen sie an andere Frauen, zu niedrigen 12% Nominalzins. Zum Vergleich: In 338 Fällen waren beide Vertragspartner männlich, in 115 Fällen der Gläubiger männlich und die Schuldnerin weiblich.

Anm.:2: Der eine oder andere mag sich jetzt wundern: Sind im islamischen Richt Zinsen nicht verboten? Ja, sind sie, aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. In den Verträgen wurden tatsächlich keine prozentualen Zinsen festgelegt. Vielmehr mussten die Schuldner mit den Gläubigern noch einen fiktiven Handel durchführen (zum Beispiel den Gläubigern ein fiktives Handelsgut abkaufen, dessen Wert im Vertrag festgelegt wurde). Oder Miete zahlen für irgendetwas.

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