Der Putsch aus dem Lehrbuch von 1980

Es ist vielleicht die größte Ironie des gescheiterten Putsches, dass ausgerechnet Erdoğan nur noch über sein iPhone kommunizieren konnte und er allein über soziale Netzwerke seine Anhänger erreichte. Denn Erdoğan selbst wettert sonst bei jeder sich bietenden Gelegenheit über die sozialen Netzwerke, lässt zu nichtigen Anlässen YouTube, Twitter oder Facebook sperren. … im Wahlkampf 2014 hatte Erdoğan mehrfach geschworen, er wolle den Einfluss fremder Mächte über die sozialen Netzwerke unterbinden.

Damit hat es die Welt vom 16.7.2016 auf den Punkt gebracht. Ja, es ist ironisch (und eine gute Werbung für die Firma mit dem angebissenen Obst). Es dürfte aber Erdoğans Haltung gegenüber sozialen Netzwerken eher gestärkt haben. Denn was ihm heute nutzte, kann sich morgen schon gegen ihn wenden. Die ägyptischen Militärs haben es 2013 ja bewiesen, dass man auch im Zeitalter der sozialen Medien noch erfolgreich putschen kann – wenn die Stimmung in weiten Teilen der Bevölkerung entsprechend ist. Also besser die Kontrolle behalten über die Medienvielfalt. Vom Internet über Radio und TV bis zum Minarett-Lautsprecher. Auch diese spielten in jeder Schicksalsnacht eine entscheidende Rolle. Die meisten Moscheen in den Städten nutzen den zentralen Muezzin, dessen Ruf per Funksignal an sämtliche Minarette gesendet wird. Man kann aber ebensogut einen Aufruf zur Demonstration gegen die Putschisten von allen Minaretten einer Stadt simultan ausrufen lassen (oder einfach Volksmusik  – diesen Spaß haben sich Hacker schon erlaubt).

Nach wie vor herrschen Rätselraten und Spekulationen über Hintermänner und Motive des Putsches. Man kann einige Motive vermuten, welche vor allem Militärs am Herzen liegen. Etwa Unmut über Erdoğans Islamisierungskurs, über den Krieg gegen die PKK im Osten der Türkei oder gegen den IS in Syrien. Vermutlich kamen aber auch sehr persönliche Motive hinzu. Das Ausmaß der Verhaftungs- und Suspendierungswelle in der Türkei nach dem Putsch wird in Berichten von n-tv sowie der Welt vom 18.7.2016 deutlich. Es wurden bislang 7543 Personen inhaftiert, darunter 6038 Soldaten (speziell 103 Admiräle und Generäle). Zudem wurden mehr als 13.000 Staatsbedienstete suspendiert, darunter 7899 Polizisten und 2745 Justizbeamte. Jeder fünfte Richter wurde abgesetzt darunter auch fünf Mitglieder des Hohen Rates der Richter und Staatsanwaltschaft. Und mehr als ein Drittel der 81 Provinz-Gouverneure.verlor ihren Posten. Man muss wohl kein Verschwörungstheoretiker sein, um anzunehmen dass die entsprechenden Personenlisten im Wesentlichen schon lange vor dem Putsch feststanden. Und ein Teil der ranghöheren Personen dürfte wohl von ihrer Präsenz auf diversen Listen gewusst oder geahnt haben. Die Verschwörer fanden es dann angemessen, ihre vorzeitige Pensionierung dadurch zu verhindern (oder vielleicht wenigstens ihre Ehre zu retten) dass sie das türkische Parlament bombardieren und auf unbewaffnete Demonstranten schießen ließen.

Bislang ist das auch nur eine, leider eher unprosaische, Theorie. Dies würde dann aber immerhin die praktisch nicht vorhandene Medien-Strategie der Verschwörer erklären: Man erwartete wohl gar nicht dass sich die breite Masse ihre Motive zu eigen macht, sondern setzte voll auf Furcht – eine Machtdemonstration im Himmel über Ankara und auf den Bosporus-Brücken, und wenn dann die Moderatorin des Staatsfernsehens auch noch erklärt dass ein Machtwechsel stattgefunden hat, werden es schon alle glauben. Ein Putsch wie aus dem Lehrbuch – dem Lehrbuch von 1980.  Auf den Gedanken, durch das Legen einer falsche Fährte Zeit zu gewinnen, also die überaus auffälligen Militäraktionen etwa mit einem drohenden Anschlag oder aber auch, ganz im Stil von Unternehmen Walküre, mit der Verhinderung eines Umsturzes zu erklären, kamen die Verschwörer nicht.

Die Zeitung Daily Sabah vom 18.7.2016 liefert derweil den Grund, warum der Coup ausgerechnet (und vermutlich übereilt) am letzten Freitagabend steigen musste: Man wollte die Sache wohl durchziehen bevor Präsident Erdoğan aus dem Urlaub zurückkommt. Und an ebenjenem Freitagabend befand sich gerade die komplette Führung der Luftwaffe in Istanbul bei einer Hochzeitsfeier. Und da konnten die Putschisten alle auf einmal festsetzen. Das gelang zwar, aber trotzdem war der loyale Teil der Luftwaffe nach wie vor handlungsfähig – und beschoss später in der Nacht die vor dem  Präsidentenpalast aufgefahrenen Panzer der Putschisten. Und auch generell stellte sich der Freitagabend als überaus ungünstig heraus: Um die Zeit war die Türkei ja noch längst nicht schlafen gegangen. Auch Präsident Erdoğan nicht, der sich direkt zum Flugplatz in Dalaman begab und unbehelligt abfliegen durfte. Wie flightradar24 zeigt, musste er lediglich etwa eine Stunde in normaler Reiseflughöhe südlich des Marmara-Meeres kreisen bis der Atatürk-Flughafen wieder geöffnet wurde.

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