Erdoğans Reichstagsbrand

Da rieb man sich doch am Freitagabend überrascht die Augen: Panzer und Düsenjets im Einsatz in Istanbul und Ankara?! Ist das ein schlechter Film, übertreiben es die Türken mit Pokemon Go (Anm.: In der Türkei wurde das Spiel noch nicht freigeschaltet)?  Glaubten die Anführer tatsächlich, die komplette Türkei unter ihre Kontrolle bringen zu können, indem sie ein wenig Chaos anrichten und im besetzten Sender TRT eine nichtssagende Resolution durch eine Fernsehmoderatorin verlesen zu lassen? Während von den Anführern des Putsches selbst niemand sein Gesicht zeigte? Die Putschisten waren niemals auch nur annähernd in der Lage, die Kommunikationsstrukturen von Präsident, Regierung, den politischen Parteien sowie schließlich der Polizei und loyal gebliebener Teile des Militärs wirksam zu stören. Wähnten sich die türkischen Putschisten etwa noch im Jahr 1980? Damals kam den Militärs zudem (neben der Nichtexistenz von Internet und Mobiltelefonen) die politische und wirtschaftliche Instabilität zugute – also eine Situation in welcher ein Großteil der Türken einer Machtübernahme der Militärs indifferent oder gar wohlwollend gegenüberstand. Das ist diesmal anders. Wirtschaftlich geht es der Türkei so gut wie nie, und der starke Mann Erdoğan ist beliebt bei der Mehrheit der Bevölkerung (und die Bevölkerung ist um mehr als 75% größer als 1980). Und in der Tat wiederholten sich am Ende die Bilder, welche man vom Putsch gegen Gorbatschow im August 1991 oder auch vom Putsch gegen Hugo Chávez im April 2002 kennt: die Putschisten standen letztendlich vor der Wahl, auf jede Menge unbewaffnete Demonstranten zu schießen oder aufzugeben Und beides geschah, zudem gibt es auch Berichte über Lynchjustiz an Soldaten. Die mehrheitlich vermutlich gar nicht wussten, warum sie etwa zum Absperren der Bosporus-Brücken abkommandiert wurden.

Irgendwie scheint dem Putsch immer noch jeglicher Sinn zu fehlen – eine bessere Vorlage für Verschwörungstheorien ließe sich kaum finden. Da hätten wir die offizielle Theorie Erdoğans, wonach die Gülen-Bewegung hinter allem stecke (es gibt sicher gute Gründe, misstrauisch gegenüber der Gülen-Bewegung zu sein, trotzdem fühlt man sich hier irgendwie an die Verve erinnert, mit welcher die Freimaurer im Dritten Reich neben den Juden für alles mögliche verantwortlich gemacht wurden). Und andererseits die Version, dass Erdoğan selbst dahinter steckt. U.a findet die ehemalige Kölner Bundestagsabgeordnete Lale Akgün (SPD) – welche zuletzt u.a. den Verdacht hegte dass Erdoğan die Vollendung die Kölner Großmoschee absichtlich verhindert – den Putsch sehr verdächtig.

Und in der Tat, die Parallelen zum Reichstagsbrand 1933 drängen sich auf (wobei übrigens auch hier bislang alles andere als klar ist, wer dafür tatsächlich verantwortlich war, Marinus van der Lubbe als alleiniger Täter oder doch eine Verschwörung der Nazis). Die stärksten materiellen Schäden des Putsches gab es in der Tat bei der Bombardierung des türkischen Parlament am Morgen des 16. Juli  (der Präsidentenpalast hingegen blieb wohl heil, hier gab es erst gegen 6 Uhr einen Luftangriff – von Kampfjets auf die dort aufgefahrenen Panzer der Putschisten) . Und in jedem Fall kamen sowohl der Reichstagsbrand als auch der Putsch den jeweilligen Machthabern äußerst gelegen.  „Dieser Aufstand, diese Bewegung ist wie ein Geschenk Gottes. Dieser Putsch gibt uns die Gelegenheit, die Streitkräfte zu säubern“, dieses Erdoğan-Zitat verheißt nichts Gutes.

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