Monheim probiert den Staatsislam

Die Stadt Monheim am Rhein, welche rechtsrheinisch die Lücke zwischen Düsseldorf und Lverusen (und damit praktisch Köln) ausfüllt, war schon für einige kommunalpolitische und kommunalwirtschaftliche Experimente gut. Und jetzt auch noch kommunalreligiös. Monheims Bürgermeister Daniel Zimmermann erzeugte einigen Wirbel mit der Ankündigung, zwei Moscheegemeinden gratis Bauland zur Verfügung stellen zu wollen. Zimmermann wolle damit die beiden Gemeinden aus den Hinterhöfen rauszuholen. Nicht nur die „üblichen Verdächtigen“ reagierten empört (einschließlich der AfD, deren Thüringer Landesverband übrigens ein kostenlos herunterladbares Büchlein „Der Islam. Fakten und Argumente.“ herausgebracht hat) . Auch CDU, SPD, Grüne und Linke gaben sich pikiert. Allerdings bilden diese Parteien (und die FDP) gemeinsam nur die Opposition in Monheim. Es regiert Zimmermanns PETO – Die junge Alternative, welche seit ihrem Erstantritt 1999 (6,1%) kontinuierlich zulegte und bei den Kommunalwahlen 2014 mit 65,6% die Wettbewerber geradezu deklassierte. Womit wir bei den kommunalpolitischen Experimenten wären. Grundstein für PETOs Erfolg 2014 waren die nach der vorigen Wahl 2009 (PETO mit 29,6% zweitstärkste Kraft, Daniel Zimmermann trat als mit 27 Jahren jüngster Bürgermeister in NRW sein Amt an) von PETO und Zimmermann initiierten kommunalwirtschaftlichen Experimente: Durch eine deutliche Senkung der Gewerbesteuer wurden jede Menge Unternehmen aus Düsseldorf, Köln und anderswo dazu animiert, zumindest ihren Briefkasten nach Monheim zu verlegen (ein paar gut erschlossene Gewerbegebiete gibt es aber auch, und die geographische Lage ist nun wirklich ideal). Die Gewerbesteuer-Einnahmen stiegen in den Himmel, 2013 wurde die einst hoch verschuldete Stadt Monheim schuldenfrei. Und kann sich jetzt eben leisten, Bauland zu verschenken.

Was hier für Aufregung sorgt, ist international gar nicht so ungewöhnlich. Staatliche oder kommunale finanzielle Untersützung für die jeweilige Mehrheitsreligion natürlich sowieso. Aber auch religiöse Minderheiten kommen in manchen Ländern in den Genuss derartiger Wohltaten. So wurde der Baugrund des Kirchenkomplexes in Abu Hamour am Stadtrand von Doha für einen eher symbolischen Betrag von ein paar hundert Dollar pro Jahr vom Emir von Katar zur Verfügung gestellt. Den Kirchenkomplex und das zugehörige Konferenzzentrum teilen sich Katholiken (Our Lady of the Rosary), Anglikaner, Kopten, griechisch-orthodoxe Christen und diverse indische christliche Glaubensgruppen. Es handelt sich dabei um die ersten und einzigen Kirchen in Katar und eines der größten christlichen Zentren in der Golfregion überhaupt. Natürlich gab es ein paar Auflagen: Keinen Kirchturm, keine Glocken, keine von außen sichtbare Kreuze oder anderweitige christliche Symbole. Immerhin: Im Gegensatz zum Nachbarn Saudi-Arabien (wo selbst Ausländern das Ausüben irgendeiner nicht-islamischen Religion strikt untersagt ist) setzt Katar also auf „Einbindung“: man gibt den christlichen Gemeinden großzügig Freiräume, erwartet dann aber im Gegenzug, dass diese von sich aus bestimmte Grenzen respektieren. Und sich insbesondere auf ihr Klientel, die christlichen Gastarbeiter beschränken, und Missionstätigkeit unter Katarern oder anderen Muslimen tunlichst unterlassen.

Und auch in Monheim gibt es Auflagen: Minarette höchstens 20 Meter hoch. Kein Gebetsruf draußen. Keine Übertragung des Baulands an Dritte. Verfassungstreue und Toleranz. Bei Verstoß gehen die Grundstücke zurück an die Stadt. Vermutlich gehen alle Beteiligen davon aus dass dieser Fall niemals eintritt. Denn wird die Stadt Monheim wirklich wagen, eine Moschee wegen Intoleranz zu enteignen? Und wenn ja, was macht Monheim dann mit dem Gebäude? Bestellt die Stadt dann selbst Imame? Und auch Monheim setzt hier auf „Einbindung“: Man hofft, dass fest in eine nicht-radikale Gemeinde eingebundene Muslime eher nicht auf dumme Gedanken kommen. Das hat seine Berechtigung. In der Praxis sind Moscheen allerdings öffentliche Gebäude und werden als solche auch von Radikalen zum Beten, Treffen und zum Agitieren genutzt. Sei es mit Zustimmung der jeweiligen Moscheevereins-Leitung, mit stillschweigender Duldung, oder auch hinter deren Rücken. Man kann hier aber argumentieren dass es in einer „eingebundenen“ Moschee zumindest einfacher ist, derartige Dinge zu kontrollieren als in einer Hinterhofmoschee. Auf niedrigerer Ebene baut man in Monheim auf Unterstützung der Moscheegemeinden, wenn es irgendwo mal wieder verstärkte Probleme mit Disziplinlosigkeit in der Schule oder mit Kriminalität kommt. Und vielleicht hofft Monheim auch noch, dass auch manche türkische oder arabische Unternehmen jetzt animiert werden, ihre Briefkästen in Monheim anzubringen.

Das mit der Hoffnung auf Gegenleistungen gilt allerdings nicht nur für den Spender des Baulands (Monheim), sondern auch für den Financier der Moschee selbst. Und in einem der beiden Fälle wird das die Türkei bzw. ihr verlängerter Arm DITIB sein (das andere Baugrundstück soll an eine arabische Moscheegemeinde gehen). Nun müssen sich türkische und Monheimer Interessen nicht notwendigerweise widersprechen – natürlich möchte auch die Türkei Terror-Sympathisanten aus ihren Moscheen eher fernhalten, und auch der Türkei ist daran gelegen, wenn die Türken in Deutschland gut deutsch sprechen und gut bezahlte Arbeitsplätze finden. Aber es gibt eben auch Interessenskonflikte – welche Recep Tayyip Erdoğan bei seiner Rede in Köln 2010 mit „Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ schön zusammengefasst hat.

Manche Zimmermann-Kritiker haben durchaus nichts gegen die Moscheepläne an sich, der Begünstigte des Bauland-Geschenks sollte eben nur nicht DITIB sein, sondern lieber eine von der Türkei oder anderen Staaten unabhängige und gleichzeitig liberale Moscheegemeinde, welche aber zudem noch finanzkräftig genug sein muss um so einen Moscheebau überhaupt zu stemmen. Spätestens hier setzt allerdings Wunschdenken ein. „Liberaler Islam“ scheint sich in der Realität nur dort durchzusetzen, wo ein Staat seinen Daumen drauf hat (die Türkei hat ihn drauf, leider wird hier allerdings traditionell Islamismus durch Nationalismus kompensiert. Und neuerdings beides miteinander versöhnt …). Und was das Geld betrifft: In München ist das DITIB-unabhängige Moschee-Großprojekt von Benjamin Idriz  (gegen welches Michael Stürzenberger jahrelang unermüdlich in München agitierte) wohl gerade definitiv gescheitert – am fehlenden Geld. Auch Kölner Kommunalpolitiker hatten lange die fixe Idee, dass die Stadt des Doms, des Karnevals und des CSD auch noch die größte und schönste Moschee Deutschlands bekommen sollte, gratis Bauland wäre kein Problem, nur ein Gemeinschaftsprojekt aller Moscheeverbände sollte es bitteschön sein. Irgendwann sah man ein, dass man nur dann eine Großmoschee bekommt, wenn man DITIB machen lässt (auf deren eigenen Grundstück).

Immerhin bekam man in Köln noch die Nebenbedingung durch, dass DITIB hier wenigstens architektonisch etwas Neues probieren sollte. Der renommierte Kirchenarchitekt  Gottfried Böhm und sein Sohn Paul Böhm wurden verpflichtet. Aber kaum stand die Moschee im Rohbau, gefiel sie nicht mehr. Osmanisch sollte sie sein, strahlend weiß und nicht im Böhmschen Beton-Grau-Braun. Versteckte christliche Symbole und andere Baumängel wurden entdeckt, die Böhms gefeuert, und der Bau ruht erstmal. Die ehemalige Kölner Bundestagsabgeordnete Lale Akgün (SPD) hegt den Verdacht, dass die Moschee „niemals vollendet werden soll“. – denn immerhin hat die Türkei in vergleichbaren Zeiträumen ganze Flughäfen, Sportstätten, eine Metro unter dem Bosporus und andere Großprojekte gebaut  (nun ja …). Also selbst mit DITIB können Moscheebauprojekte schief gehen – es sei denn, man lässt DITIB wirklich alles machen wie sie wollen. Dann klappt’s auch mit der Großmoschee, wie in Duisburg-Marxloh. Deren Bau von der EU und dem Land Nordrhein-Westfalen überdies mit rund 3,4 Millionen Euro gefördert wurde (von 7,5 Millionen Euro Gesamt-Baukosten). Weshalb des Objekt offiziell „Moschee und Begegnungsstätte“ heißt und an der Fassade eine EU-Flagge sowie das Schild „EU – Bauen für Europas Zukunft“ aufweist. Ansonsten ist es eine ganz normale, nur etwas größer geratene, türkische Moschee. Und Duisburg-Marxloh ein ganz normaler Problemstadtteil.

Soweit die bisherigen Staatsislam-Versuche in München, Köln und Duisburg. Wird Monheim es besser machen?

Ein Gedanke zu „Monheim probiert den Staatsislam

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