Eurovision Song Contest 2016: Der politische Sieg der Ukraine über Russland

War das Ergebnis des 61. Eurovision Song Contest, dessen Finale am 14. Mai 2016 in Stockholm stattfand, eine politische Entscheidung? Der Verdacht kommt sicher nicht zum ersten Mal, diesmal stellte sich die Frage aber aus zwei Gründen stärker als bisher: Zum einen kann man über den ukrainischen Siegerbeitrag aus musikalischer Sicht durchaus streiten; wenn er aus einem anderen Land gekommen wäre, hätte er vielleicht nicht gewonnen.. Und zum anderen wurden diesmal erstmals die Stimmen der nationalen Jurys und der Zuschauer (Televoting) getrennt voneinander verkündet, womit die Diskrepanzen zwischen den Geschmäckern von Jurys und Publikum direkt live on stage deutlich wurden (nachlesen konnte man die entsprechenden Zahlen aber auch schon bei vergangenen Wettbewerben). Und da stand dort eben Russlands Sergei Lasarew, welcher sich nach Eingang aller Jury-Voten nur auf Platz 5 wiederfand, als Letzter noch oben, bekam seine Punktzahl als Publikumsliebling verkündet – und es reichte eben dann in der Summe nur für Platz 3. Russland, vom Publikum geliebt, von den Jurys um den verdienten Sieg zufrieden betrogen? Nun, anti-russische Verschwörungstheorien muss man hier nicht unbedingt bemühen. Viele Jury-Mitglieder wollten sich nicht durch die (zweifellos beeindruckende) Interaktion Lasarews mit diversen Computeranimationen völlig blenden lassen, sondern bei ihrer Entscheidung stärker auf das konzentrieren worum es in dem Wettbewerb dem Namen nach geht, den Gesang. Und was den betrifft, hätte Jury-Favoritin Dami Im (Australien) den Sieg durchaus verdient gehabt (nach den bis 2015 gültigen Regeln hätte sie im Übrigen gewonnen, siehe unten).

Aber hat die Ukraine den Sieg aus musikalischer Sicht verdient? Der teils englische, teils krimtatarische Text des Lieds 1944 von Jamala war natürlich nicht als Partykracher angelegt: er thematisierte die Deportation der Krimtataren. Diese wurden nach der Rückeroberung der Krim der Kollaboration mit Hitlerdeutschland bezichtigt und nach Zentralasien umgesiedelt, wobei bis zur Hälfte der Deportierten unterwegs umkam. Erst ab 1989 durften sie auf die Krim zurückkehren, und 1992 wurde Krimtatarisch zur dritten offiziellen Amtssprache der Krim (neben Russisch und Ukrainisch). Ob die musikalische Umsetzung gelungen ist, oder ob das Lied zur einzigen Schreiorgie ausartete, darüber lässt sich streiten. Interessant ist auch der Vergleich mit früheren Versuchen, schwere Themen auf die ESC-Bühne zu bringen. Da waren das armenische Lied Face The Shadow (16. Platz in Wien 2015. Anlass: 100. Jahrestag des Armenier-Genozids) sowie die aus dem Kosovo stammende Albanerin Rona Nishliu (5. Platz in Baku 2012. Kein bestimmtes politisches Thema). Auf jeden Fall gelang es Jamala nachhaltig, das Thema in Erinnerung zu bringen. Und auch wenn es nicht ausgesprochen wurde, war der Zeitpunkt natürlich bewusst gewählt: Momentan sehen sich viele Krimtataren ja wieder als Opfer einer russischen Aggression, bzw. werden der Kollaboration mit dem Feind bezichtigt (etwa der Beteiligung an der Sabotage der Stromleitungen von der Ukraine zur Krim). Die Betätigung des pro-ukrainischen Medschlis des Krimtatarischen Volkes wurde nach der russischen Annexion verboten. Es besteht jedoch auch eine pro-russische krimtatarische Partei.

Von wo erhielt die Ukraine nun aber ihre Punkte? Die Ukraine bekam insgesamt 11mal die vollen 12 Jury-Punkte verkündet, so oft wie kein anderes Land. Darunter waren 3 von 10 teilnehmenden Ex-Sowjetrepubliken (Georgien, Lettland, und Moldawien) und 4 von 6 ehemaligen jugoslawische Republiken (Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Serbien, Slowenien). Hinzu kommen Israel, Polen und San Marino. Und Dänemark, aufgrund des Fehlers eines Jury-Mitglieds. Für sie war der australische Beitrag der beste und der ukrainische Beitrag der zweitschlechteste aller Finalbeiträge, versehentlich übermittelte sie ihre Rangfolge aber in verdrehter Reihenfolge. Die Ukraine hätte jedoch auch ohne diesen Fehler gewonnen. Russland hingegen erhielt nur 4mal 12 Jury-Punkte – von den Ex-Sowjetrepubliken Aserbaidschan und Belarus, sowie von Griechenland und Zypern. Wobei die griechische (und die zypriotische?) Sympathie wohl etwas damit zu tun hatte, dass der russische Beitrag von einem Griechen komponiert wurde.

D.h. die Sympathien sowohl für die Ukraine als auch für Russland kamen überwiegend aus den ehemals kommunistischen Ländern. Von einer Spaltung in einen pro-ukrainischen und einen pro-russischen Block kann jedoch kaum die Rede sein, wenn man sich die Punktvergabe aus Osteuropa detailliert anschaut. Vor allem beim Publikum (Televoting) kamen sowohl Russland als auch die Ukraine fast überall etwa gleichermaßen an. Insbesondere bekam die Ukraine 10 Televoting-Punkte aus Russland (!), und Russland 12 Televoting-Punkte aus der Ukraine. Lediglich bei den Jurys zeigt sich ein differenzierteres Bild. Die Länder Osteuropas lassen sich hier wie folgt einteilen:
·

  • 12 Jury-Punkte für Russland, aber auch mindestens 7 Punkte für die Ukraine:
    • Aserbaidschan: Jury 12 Russland, 10 Ukraine. Televoting 12 Russland, 10 Ukraine.
    • Belarus: Jury 12 Russland, 7 Ukraine. Televoting 12 Russland, 10 Ukraine.
  • 12 Jury-Punkte für die Ukraine, aber auch mindestens 5 Punkte für Russland:
    • Bosnien und Herzegowina: Jury 5 Russland, 12 Ukraine. Televoting 6 Russland, 7 Ukraine.
    • Lettland: Jury 7 Russland, 12 Ukraine. Televoting 12 Russland, 10 Ukraine.
    • Moldawien: Jury 7 Russland, 12 Ukraine. Televoting 12 Russland, 10 Ukraine.
  • 0 Jury-Punkte für die Ukraine, aber mindestens 6 Jury-Punkte für Russland (von Russland selbst abgesehen):
    • Albanien: Jury 7 Russland, 0 Ukraine. Televoting 7 Russland, 6 Ukraine.
    • Bulgarien: Jury 6 Russland, 0 Ukraine. Televoting 12 Russland, 10 Ukraine.
    • Kroatien: Jury 6 Russland, 0 Ukraine. Televoting 8 Russland, 10 Ukraine.
    • Montenegro: Jury 8 Russland, 0 Ukraine. Televoting 10 Russland, 8 Ukraine.
    • Russland: Jury 0 Ukraine. Televoting 10 Ukraine.
  • 0 oder 1 Punkt für Russland, aber mindestens 7 Jury-Punkte für die Ukraine (von der Ukraine selbst abgesehen):
    • Estland: Jury 0 Russland, 7 Ukraine. Televoting 12 Russland, 8 Ukraine.
    • Mazedonien: Jury 0 Russland, 12 Ukraine. Televoting 8 Russland, 6 Ukraine.
    • Georgien: Jury 0 Russland, 12 Ukraine. Televoting 8 Russland, 10 Ukraine.
    • Litauen: Jury 0 Russland, 8 Ukraine. Televoting 8 Russland, 10 Ukraine.
    • Polen: Jury 0 Russland, 12 Ukraine. Televoting 8 Russland, 12 Ukraine.
    • Serbien: Jury 1 Russland, 12 Ukraine. Televoting 12 Russland, 7 Ukraine.
    • Slowenien: Jury 0 Russland, 12 Ukraine. Televoting 10 Russland, 7 Ukraine.
    • Ukraine: Jury 0 Russland. Televoting 12 Russland.
  • Wenig oder keine Punkte sowohl für Russland als auch die Ukraine:
    • Armenien: Jury 2 Russland, 0 Ukraine. Televoting 12 Russland, 10 Ukraine.
    • Tschechien: Jury 0 Russland, 0 Ukraine. Televoting 10 Russland, 12 Ukraine.
    • Ungarn: Jury 0 Russland, 0 Ukraine. Televoting 10 Russland, 12 Ukraine.

Einige Länder sind hier die “üblichen Verdächtigen” (dass Georgien oder Polen keine Sympathie für Russland zeigen überrascht nicht), aber nicht alle Klischees werden bedient. Die Jurys von Aserbaidschan und Belarus waren erwartungsgemäß pro-russisch, meinten es aber auch gut mit der Ukraine. Und auch Serbien hätte man wohl nicht im „anti-russischen Lager“ vermutet. Und wie gesagt, wir reden hier nur von den Jury-Punkten, beim Televoting kamen sowohl Russland als auch die Ukraine überall in Osteuropa sehr gut an. Also sagen wir mal so. Musik verbindet die Völker, so klischeehaft das klingt, aber beim ESC stimmt es tatsächlich (nur eben bei Armenien und Aserbaidschan nicht, hier gaben auch diesmal sowohl die Jurys als auch das Publikum einander die letzten Plätze, wie immer).

So votierte Deutschland:

  • Jury: Israel 12, Schweden 10, Georgien 8, Ukraine 7, Australien 6, Belgien 5, Niederlande 4, Italien 3, Lettland 2, Litauen 1.
  • Televoting: Russland 12, Polen 10, Schweden 8, Österreich 7, Uraine 6, Australien 5, Bugarien 4, Niederlande 3, Armenien 2, Italien 1.

Punkte erhielt Deutschland von der georgischen Jury (1), sowie von den österreichischen (2) und schweizerischen (8) Televotern. Damit letzter Platz mit 11 Punkten. Ob Xavier Naidoo das besser gemacht hätte?

PS: Nach den bis 2015 geltenden Regeln wurden die Jury- und Televoting-Platzierungen zusammengefasst und erst dann die Punkte vergeben (12 für den ersten, 10 für den zweiten, 8-1 Punkte für die Ränge 3-10, jedes Land vergab damit 58 Punkte). Nach dem seit 2016 geltenden System hingegen erfolgt diese Punktvergabe hingegen getrennt für Jury- und Televoting-Platzierungen (jedes Land vergibt somit 116 Punkte. Auch San Marino, wobei hier das Televoting durch irgendein “average result of a representative group of jury results of other countries” ersetzt wurde). Damit gibt das neue System den Interpreten, welche bei der Jury gut, aber beim Televoting schlecht abschneiden oder umgekehrt, gewisse Vorteile gegenüber denjenigen, welche bei beiden im Mittelfeld landen. Nach dem alten System wäre es im Extremfall möglich gewesen, dass ein beim Televoting in einem bestimmten Land auf den ersten Platz gekommener Beitrag trotzdem 0 Punkte aus diesem Land geholt hätte, aufgrund einer miesen Jury-Bewertung (das Umgekehrte gilt natürlich auch). Nach dem neuen System holt er in jedem Fall mindestens 12 Punkte. Nach dem alten System hätte Dami Im (Australien) vor Jamala (Ukraine) gewonnen. Deutschlands Jamie-Lee hätte dann zwar nur 8 statt 11 Punkte geholt, wäre aber immerhin Vorletzte vor Gabriela Gunčíková (Tschechien, 1 statt 41 Punkte) geworden. Umgekehrt hätte jedoch Deutschlands Nullnummer von 2015, Ann Sophie, nach dem neuen System 29 statt 0 Punkte geholt – und Frankreich und Großbritannien hinter sich gelassen (am schwedischen Sieg 2015 hätte sich nichts geändert).

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