Lucke nennt Böhmermann eine feige Drecks…

Die Böhmermann-Affäre bot Bernd Lucke eine überraschende Möglichkeit, mal wieder in die Schlagzeilen zu kommen. Denn er stelle sich gleich mal komplett gegen den Mainstream und teilte auf seinem Blog mit: „Böhmermann ist eine feige Drecksau“. Und das war den Leitmedien eine Nachricht wert (hier z.B. „Die Welt“ vom 16.4.16). Gut, für die Wahlchancen von ALFA war das eher kontraproduktiv (ganz abgesehen davon dass Lucke den Lesern als „AfD-Gründer“ vorgestellt wurde), aber wenigstens kann jetzt niemand mehr Bernd Lucke als Populisten bezeichnen. Böhmermann ist für Lucke jedenfalls ein Opportunist, welcher hier einfach auf einen Bashing-Zug aufspringt und noch einen draufsetzt, um vom allgemeinen Beifall auch etwas abzusahnen. Bernd Lucke wird wissen, wovon er spricht, war er doch seinerzeit als AfD-Chef selbst beliebte Zielscheibe für mehr oder (meistens) minder gelungene Scherze diverser Komiker, welche sich ihres Beifalls aus dem Milieu der Sessel-Revoluzzer (also derjenigen, welche sich die Weltrevolution am liebsten bei einem Glas Rotwein am heimischen Fernseher anschauen) sicher sein konnten. Das dürfte wohl auch der Hauptgrund für Luckes Positionierung sein. Luckes Blogbeitrag spricht aber auch geradezu mit Verehrung über den ökonomischen Boom in der Türkei seit Erdoğans Machtantritt, wobei Lucke hier natürlich besonders der Gegensatz zu Euro-Griechenland fasziniert (Lucke prophezeit u.a., dass sich demnächst die griechischen Arbeitslosen in der Türkei als Gastarbeiter in der Türkei verdingen werden).

Nun, Tatsache ist, dass in der Türkei seit Erdoğans Machtantritt vieles besser geworden ist – besonders für die einfache Bevölkerung (ungefähre Verdopplung des Lohnniveaus!). Luckes Beitrag ist in dem Punkt sehr informativ. Das (auch von Böhmermann transportierte) Stereotyp eines kleptomanen Entwicklungsland-Potentaten passt hier eben nicht. Sicher, man kann in einigen Punkten streiten, etwa ob der Türkei-Boom wegen oder trotz Erdoğan stattfand (oder vielleicht anfangs wegen, und danach trotz). Und die EU hätte sicher nicht dasselbe Wirtschaftswachstum wie die Türkei hingelegt, selbst wenn sie von Erdoğan regiert würde – denn sie war ja schon auf hohem Niveau (Griechenland hat nach wie vor ein höheres Lohnniveau als die Türkei). Und schließlich (darauf weist Lucke aber auch hin) darf wirtschaftlicher Erfolg kein Freifahrschein für Demokratieabbau und Immunität gegen Kritik sein. Wir hatten da mal einen Präzedenzfall in Deutschland …

Reine Spekulation ist, ob Luckes Haltung dadurch beeinflusst wurde, dass seine ALFA-Partei seit dem 18. März 2016 der selben Europapartei angehört wie Erdoğans AKP – der Allianz der Europäischen Konservativen und Reformer AECR, welche die Partei zur  Europaparlaments-Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer ist (wobei einige Fraktions-Mitgliedsparteien zu anderen oder auch zu gar keiner  Europapartei gehören. Während die AKP und andere AECR-Parteien umgekehrt natürlich nicht in der Fraktion sind, da sie keine EU-Parteien sind).

Das Bashing von Staatschefs der (laut gängiger und offenbar auch im linken Milieu verbreiteter Stereotype) etwas zurückgebliebenen Südstaaten hat in Deutschland durchaus gewisse Tradition, man kann damit aufsteigen (kannte irgend jemand Martin Schulz, bevor er sich mit Silvio Berlusconi anlegte?), und auch für Jan Böhmermann dürfte es langfristig kein Karriereknick sein (Jürgen Trittin möchte ihm bereits das Bundesverdienstkreuz anhängen). Bernd Luckes Sprachwahl („feige Drecksau“) ist aus dem Kontext heraus wohl angemessen: wer wie Jan Böhmermann austeilt, muss auch einstecken können, und wenigstens begab sich Bernd Lucke nicht in die Niederungen der unterhalb der Gürtellinie angesiedelten Körperteile und Funktionen.

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Ein Gedanke zu „Lucke nennt Böhmermann eine feige Drecks…

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