Xavier Naidoo, Empire Allemand, 0 points

19. November 2015: Xavier Naidoo tritt beim Eurovision Song Contest (ESC) 2016 an. Weil er ein Ausnahmekünstler, der seit 20 Jahren seinen Platz im deutschen Musikleben habe, sei er direkt nominiert worden (Zitat ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber). Ganz ohne Vorentscheid. 21. November 2015: Kommando zurück.

Nun, rein musikalisch war die Nominierung Naidoos eine fragwürdige Entscheidung, denn nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte sind seine oben genannten Qualifikationen alles andere als ein Garant für hohe Punktzahlen. Die Musik von Xavier Naidoo passt wirklich zu vielen Anlässen, aber zum ESC? Und der Verzicht auf den Vorentscheid, nun ja, es ist zwar richtig dass der letzte Vorentscheid im Debakel endete, weil den Sieger der ESC nicht wirklich gekümmert hat, und die arme Zweitplatzierte dann eine Nullnummer hinlegte. Aber auch Expertenjurys haben nicht unbedingt die besseren Händchen (ein Blick in die Statistik gibt es am Ende des Beitrags).

Allerdings, es waren weder Bedenken hinsichtlich der musikalischen Erfolgsaussichten noch hinsichtlich der fehlenden Zuschauer-Einbeziehung, welche letztendlich zur Rücknahme der Nominierung Naidoos 2 Tage später führten. Sondern es ging natürlich um Politik. Und hier ist es wohl fair zu sagen, dass das Weltbild von Xavier Naidoo – ursprünglich mal everybody’s darling mit Nächstenliebe Christentum und den Söhnen Mannheims – irgendwie wirr ist. Ins Detail zu gehen würde zu weit führen, man schaue einfach mal auf Wikipedia. Das Risiko war durchaus vorhanden dass er dann beim nächsten ESC vor versammelten Kameras Europas irgendwelche Geschichten vom 11. September oder vom Weltuntergang erzählt. Oder vom Deutschen Reich.

Denn in dem Punkt kennt das Establishment keine Gnade: Wer auch nur im Verdacht steht, Sympathien nach rechts zu haben, ist raus. Insofern wirkt auch die Naidoo-Verteidigung von Til Schweiger heuchlerisch, welcher den Umgang der Leitmedien mit einem der „liebsten, lustigsten und gutmütigsten Menschen im Showbusiness“ für „eine Form von Terrorismus“ hält. Denn wenn er Naidoo nicht kennen würde, hätte Schweiger sich möglicherweise an diesem „Terrorismus“ beteiligt.

Ein Treffen mit „Reichsbürgern“ (von den sich Naidoo mittlerweile distanziert hat) ist aber schon ein starkes Stück. Unabhängig davon ob man die „Reichsbürger“ für Rechte hält oder einfach nur für bekloppte Wichtigtuer, wie sie wohl nur das Land der mit Bahnsteigkarte bewaffneten Revolutionäre hervorbringen kann (wo sonst käme man auf den Gedanken, auf der Basis irgendwelcher Paragraphen die Existenz eines offensichtlich existierenden Staates anzuzweifeln, und fände auch noch Gleichgesinnte?). Bei der Alternative für Deutschland kann sowas jedenfalls das Karriere-Ende bedeuten. Von der Landesliste NRW zur Bundestagswahl 2013 wurde durch die Partei eine Kandidatin gestrichen, nachdem sich herausstellte, dass ihr Ehemann als Reichskanzler oder Reichspräsident „amtiert“. Im September 2014 schloss der Rat der Stadt Bad Kreuznach den AfD-Angeordneten Rainer Wink aus (dies ist laut § 31 der Gemeindeordnung von Rheinland-Pfalz möglich). Wink hatte u.a. erklärt, nur die „kaiserliche Verfassung aus dem Jahre 1850“ sowie die „staatliche Gesetzgebung vor dem 1. Januar 1914“ anzuerkennen, und an seinen Firmenfahrzeugen selbstgebastelte Nummernschilder angebracht (ohne kaiserliche Erlaubnis, vielmehr beanspruchte Wink für sich eine „staatliche Selbstverwaltung“).  Wink gehörte der AfD nicht an (welche sich von ihm distanzierte) und stand auch nur auf Platz 12 der Kandidatenliste, war aber prominent genug um einen der zwei AfD-Stadtratssitze zu erlangen (das Kommunalwahlverfahren von Rheinland-Pfalz gestattet dies, analog zu den Bürgerschaftswahlen in Hamburg).

Wie auch immer: Xavier Naidoo erklärte dass die Absage seitens der ARD ok für ihn sei und seine Leidenschaft für die Musik und sein „Einsatz für Liebe, Freiheit, Toleranz und Miteinander“ hierdurch nicht gebremst wird. Wir werden sehen wo er als nächstes Liebe und Frieden verkündet. Alles kann besser werden!

PS: Für welchen ESC gab es zuletzt keinen Vorentscheid? Schauen wir mal in die Statistik:

  • 2011: Lena durfte stattdessen als Titelverteidigerin antreten (wobei die tatsächliche Verteidigung möglicherweise nicht beabsichtigt war, schließlich ist die Ausrichtung des ESC eine teure Angelegenheit).
  • 2009: eine Folge des nicht wirklich erfolgreichen Antritts (14 Punkte, Platz 23) der vom Publikum nominierten No Angels im Jahr davor (ein Beispiel dafür dass Prominenz keine hohen Punktzahl garantiert. Seit der Münchener Freiheit 1993 und ab 2010 wurden ausschließlich Newcomer nominiert, wenn man mal von Lenas zweitem Antritt absieht). Für 2009 setzte die Jury auf „Alex Swings Oscar Sings!“ mit dem Lied „Miss Kiss Kiss Bang“ (inkl. einer geplanten aber dann entschärften Burlesque-Striptease-Einlage). Es wurden am Ende 35 Punkte, Platz 20.
  • 1993, 1994 und 1995. Damals (und 1992) war der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) zuständig, und der hatte wohl kein Geld für teure Shows. Seit 1994 liegt der ESC in den Händen des Norddeutschen Rundfunks (NDR).

 

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