AfD NRW: Pretzell wiedergewählt

Ja, wer hätte das vor ein paar Monaten gedacht: Am Samstag, 28. August 2015, wurde Marcus Pretzell von 67,7% der Landesparteitags-Delegierten in Bottrop erneut zum Sprecher der Alternative für Deutschland NRW gewählt. Es gab nicht mal einen Gegenkandidaten. Die einzige Änderung: Er ist nicht mehr alleiniger Sprecher. Erstmals seit Gründung des AfD-Landesverbands NRW gibt es jetzt eine Doppelspitze. Marcus Pretzell teilt sich jetzt den Job mit Martin Renner, der sich mit 59,4% gegen einen Mitbewerber durchsetzte, und der einen eigenen Artikel wert ist.

Update: Die Rede von Marcus Pretzell (21 min) ist auf Youtube ansehbar.

Wenn es um das Aussitzen von Problemen geht, steht Marcus Pretzell der Bundeskanzlerin offenbar in nichts nach. Denn seine erste Amtszeit seit seiner Wahl am 7. Juni 2014 ebenfalls in Bottrop war eigentlich von Pleiten, Pech und Pannen geprägt. OK, dasselbe galt prinzipiell auch für die AfD im Allgemeinen, aber in NRW wurde doch einiges auf die Spitze getrieben. Manche Dinge waren Petitessen, welche durch die Pretzell-Gegner unnötigerweise und ohne Rücksicht auf Kollateralschäden aufgeblasen wurden. Andere Vorwürfe waren schwerwiegender und hatten nicht zuletzt auch schwere finanzielle Konsequenzen für die Partei. Aufgrund des NRW-Missmanagements (an dem Pretzell nicht die alleinige Schuld trägt, aber er war nun mal der Chef) mussten gleich zwei NRW-Landesparteitage und ein Bundesparteitag abgesagt bzw. verschoben werden, oder die Ergebnisse wurden im Nachhinein für ungültig erklärt. Und auf Marcus Pretzell waren die Verwarnungen, Parteiverfahrens-Drohungen und Ausschlüsse (aus den gemeinsamen Sitzungen der ursprünglich 7 AfD-Europaparlamentarier) nur so eingehagelt. Aber er ließ sie an sich abprallen, und konnte das relativ gefahrlos tun. Denn seine Gegner in NRW hatten nie eine wirkliche Alterative zu bieten  – alles was sie zu bieten hatten war das Ausgraben immer neuer Satzungsparagraphen, welche Pretzell angeblich verletzt hatte. Es entbehrt nicht eine gewissen Ironie dass einer der eifrigsten Pretzell-Widersacher im NRW-Landesvorstand mit seiner erfolgreichen Klage beim AfD-Landesschiedsgericht (wegen einer Nichtigkeit) ausgerechnet den Landesparteitag verhindert hatte, auf welchem Pretzell noch am ehesten hätte gestürzt werden können.  Aber es gab, wie gesagt, nie eine wirkliche personelle Alternative zu Pretzell. Was auch nicht verwunderlich ist: Als normal berufstätiger Mensch kann man eben nicht mal so nebenbei den größten AfD-Landesverband leiten. Da muss man schon Europaparlamentarier, Professor, vermögender Rentner oder ausgesorgter Unternehmer sein, und da gibt es nicht viele Kandidaten. Schwer zu sagen übrigens, wie eine direkte Wahl Marcus Pretzell gegen Martin Renner ausgegangen wäre (zu der es möglicherweise gekommen wäre, wenn der jüngste Landesparteitag nicht die Einführung einer Doppelspitze beschlossen hätte), aber es darf vermutet werden dass für einen Großteil der Anti-Pretzell-Verschwörer Pretzell hier das kleinere Übel dargestellt hätte.

Und dann hatte und hat Marcus Pretzell natürlich in Frauke Petry eine mächtige Verbündete. Beide haben einiges gemeinsam: ungefähr das selbe Alter (und somit wohl gleichermaßen misstrauisch von den älteren Herrschaften in der Partei beäugt), etwa die selbe Anzahl Kinder (Pretzell 4, Petry 5), ähnliche familiäre Probleme (beide getrennt lebend), beide unternehmerisch tätig. Und beide wurden durch den Einzug ins Europaparlament bzw. in den Sächsischen Landtag vor einem persönlichen finanziellen Desaster bewahrt. Aber auch politisch passen sie durchaus zusammen, denn beide sind ausgemachte Pragmatiker, welche nicht den Blick dafür verlieren, dass die AfD letztendlich nur Erfolg haben kann wenn man die Sorgen und Nöte der „kleinen Leute“ anspricht. Damit unterscheiden sie sch einerseits von den bisher dominierenden und manchmal etwas Elfenbeinturm-geschädigten Professoren, andererseits aber auch von jenen Ideologen, welche am liebsten stundenlang über halbvergrabene Hindenburg-Denkmäler philosophieren. Und ja, Marcus Pretzell hat durchaus schon sachliche und gut fundierte Debattenbeiträge geliefert, etwa zur Flüchtlingsproblematik. Außerhalb und teils auch innerhalb) der Partei wurden diese bislang kaum wahrgenommen, denn hier haben eben die Professoren einerseits und die „Rechtspopulisten“ andererseits die öffentliche Wahrnehmung total dominiert, nur Frauke Petry (Frauenbonus?) hatte hin und wieder die Möglichkeit, Kontraste zu setzen.

Wichtig ist letztendlich auf dem Platz. Hinsichtlich der AfD-Wahlergebnisse war ausgerechnet NRW bisher immer ganz hinten, bis zur Landtags- und Bundestagswahl 2017 muss da noch einiges passieren. Und hier hängt eben auch vieles von der Außenwirkung von Marcus Pretzell ab. Bisher war er für die Medien nur der Miss-Manager und der rechte Gegenspieler von Bernd Lucke, sonst nichts. In der neuen Doppelspitze mit Martin Renner hat er jetzt auf einmal die Chance, den Linken zu spielen, mal sehen ob das funktioniert.

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4 Gedanken zu „AfD NRW: Pretzell wiedergewählt

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