Nachbetrachtung zur Hamburger Bürgerschaftswahl

Hamburg-Buergerschaftswahl-StadtteilergebnisseAm 15. Februar 2015 erhielt die Alternative für Deutschland bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg 6,1 % und zog damit in das vierte Landesparlament in Folge ein. Nachdem die AfD zuletzt bei Landtagswahlen zweistellige Ergebnisse erlebte, erscheint das vor allem den erfolgsverwöhnten Ossis als Rückschlag. AfD-Bundessprecherin und Sachsens AfD-Landeschefin Frauke Petry konnte sich entsprechend noch am Wahlabend Kritik am aus ihrer Sicht deutlich zu lauen Hamburger Wahlkampf unter Spitzenkandidat Prof. Jörn Kruse nicht verkneifen. In der Tat waren im Hamburger Wahlkampf eher die Profs als die Popus am Werk und es ging eher liberal als konservativ zu. Ob die AfD mehr oder im Gegenteil sogar noch weniger Stimmen geholt hätte, wenn Frauke Petry oder gar Alexander Gauland dort den Wahlkampf geleitet hätten, muss letztendlich dahingestellt bleiben. Nüchtern betrachtet gelang der AfD Hamburg genau dasselbe wie der AfD Sachsen, nämlich die Wiederholung des Europawahl-Ergebnisses (Hamburg: Landtagswahl 15.2.15 6,1%, Europawahl 25.5.14 6,0%, Bundestagswahl 22.9.13 4,1%. Sachsen: LW 31.8.14 9,7%, EW 10,1%, BTW 6,8%). In Brandenburg (LW 14.9.14 12,2%, EW 8,5%, BTW 6,0%) und Thüringen (LW 14.9.14 10,6%, EW 7,4%, BTW 6,2%) hatte die AfD im Vergleich zur Europawahl sogar noch einen draufsetzen können.

Um das Hamburger Ergebnis beurteilen zu können, muss man die Besonderheiten des Hamburger Wahlrechts bedenken. Hier hat jeder Wähler insgesamt 10 Stimmen, die er beliebig auf eine Person oder Liste kumulieren oder auch wild über den Zettel verteilen darf (siehe hier die Beispiel-Stimmzettel). 5 davon darf er an die Direktkandidaten in seinem Wahlkreis vergeben (wobei die Parteien hier auch mehr als einen Direktkandidaten aufstellen konnten und zumindest die großen dies auch taten). Je nach Größe entsenden die insgesamt 17 Wahlkreise dann 3 bis 5 Direktkandidaten in die Bürgerschaft (erfolgreich waren: SPD 35, CDU 18, GRÜNE 13, LINKE 4, FDP 1). Die anderen 5 Kreuze werden bei den Landeslisten gemacht. Entweder für die Liste insgesamt oder für einen ausgewählten Kandidaten auf der Liste. Die AfD erhielt hier wie oben erwähnt 6,1% der Stimmen, dies entspricht 8 Sitzen. 6 davon gingen an die ersten 6 der Liste. Die übrigen zwei gingen an den Arzt Dr. Ludwig Flocken und den Rechtsanwalt Dr. Alexander Wolf, weil bei diesen beiden eigentlich weiter unten auf der Liste stehenden Kandidaten (Nr. 15 bzw. Nr. 9) besonders viele AfD-Wähler eines oder mehrere ihrer Kreuze gemacht hatten. Dr. Flocken mögen seine Patienten vertrauen, aber beide hatten im Wahlkampf auch besondere Presseaufmerksamkeit (Dr. Flocken redete beim Schweriner Pegida-Ableger, obwohl die AfD Hamburg mit Pegida eigentlich nichts am Hut haben wollte. Dr. Wolf war angeblich Mitglied in einer rechtsextremen Burschenschaft). Ob dieses Ergebnis Frauke Petry recht gibt (s.o.) mag jeder selbst entscheiden.

Wie auch immer: Das Hamburger Wahlsystem kommt besonders den Parteien zugute, welche bekannte Personen aufbieten. Denn wenn man einen Kandidaten kennt und derjenige einem auch noch sympathisch ist, lässt man da gern eins seiner 5 Kreuze, selbst wenn man eigentlich eine andere Partei bevorzugt. Dies erklärt wohl, warum die FDP in ausgewählten Stadtteilen gigantische Ergebnisse von bis zu 22,9% holte. Aber das System nützt auch kleinen und neuen Parteien, denn wenn man 5 Kreuze für Landeslisten zu vergeben hat kann man schon mal eins entbehren. Dieser Effekt sollte sich, wenn die Kandidaten der neuen oder kleinen Partei auch in ihrem Wohnbezirk noch nicht allzu bekannt sind, eher gleichmäßig über das gesamte Wahlgebiet verteilen.

In obiger Grafik sind die Stadtteilergebnisse aller 6 in der Bürgerschaft vertretenen Parteien sowie die Wahlbeteiligung aufgetragen (sortiert nach den AfD-Ergebnissen). Die Ergebnissen der AfD reichen von 1,3% auf der Sternschanze (hier kam die AfD nur auf Platz 8, nach LINKEN, GRÜNEN, SPD, PIRATEN, FDP, DIE PARTEI und CDU) bis 13,3% in Billbrook (zweitstärkste Partei nach der SPD. Mit Abstand niedrigste Wahlbeteiligung von nur 26%). Auf der interaktiven Karte zeichnen sich zwei AfD-Cluster ab: Einer im Hamburger Osten (wozu Billbrook gehört) und einer im Bezirk Harburg im Hamburger Süden. Ein auffallendes Loch hingegen zeichnet sich unmittelbar westlich des Hamburger Zentrums (von St. Pauli und Altona bis hoch nach Eppendorf) ab.  Zum Vergleich: Die GRÜNEN holten Ergebnisse zwischen 4,1% (eben in Billbrook) und 27% (Sternschanze), die FDP zwischen 2,6% und 22,9%, die LINKEN zwischen 2,2% und 31,5% (Kleiner Grasbrook/Steinwerder. Hier, auf der Sternschanze (29,1%) und in St. Pauli (28,9%) wurden die LINKEN stärkste Partei, überall sonst die SPD), die CDU zwischen 2,9% (Sternschanze) und 31,3%, und die SPD zwischen 19% und 58%. Die Ergebnisse der AfD scheinen korreliert mit denen der SPD und antikorreliert mit der Wahlbeteiligung sowie mit den Ergebnissen vor allem der GRÜNEN zu sein. Dort, wo LINKE, FDP und GRÜNE ihre extremen Hochburgen und CDU und SPD ihre extremen Schwachpunkte haben, schnitt die AfD eher unterdurchschnittlich ab, und dort wo die AfD besonders stark ist sind die Wahlergebnisse sonst eher „normal“, sind FDP und LINKE (und GRÜNE sowieso) eher schwach. Es existieren aber auch einige Stadtteile wo sowohl die AfD als auch die LINKEN über dem Durchschnitt liegen (etwa im Stadtteil Harburg, hier holten AfD 9,5% und LINKE 13,6%, auch die GRÜNEN haben hier ein für AfD-Hochburgen hohes Ergebnis von 12,4%). Zu den Hochburgen der CDU gibt es eher keine klare Beziehung, in manchen schnitt die AfD über-, in manchen unterdurchschnittlich ab.

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6 Gedanken zu „Nachbetrachtung zur Hamburger Bürgerschaftswahl

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