Erneuerbare Energien sparten deutschen Stromverbrauchern 2013 11,2 Milliarden Euro

„Eine Summe von insgesamt 11,2 Milliarden Euro haben Deutschlands Stromverbraucher im Jahr 2013 gespart, weil in großem Umfang Erneuerbare Energien ins Stromnetz eingespeist wurden.“ Dies teilte die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg am 3. Februar 2015 mit. Ups – ist uns da was entgangen, ist es denn nicht gerade die Erneuerbare-Energien-(EEG-)Umlage die auf der Stromrechnung in den letzten Jahren in die Höhe geschossen ist? Schauen wir uns diese Studie mit Namen „Deutschland ohne Erneuerbare Energien? Stromkosten und Versorgungssicherheit ohne die Einspeisung Erneuerbarer Energien in den Jahren 2011-2013“ von Marius Dillig und Jürgen Karl doch mal genauer an.

Stromerzeugungskosten_und_Kraftwerkskapazitaeten_Deutschland_2012

Zunächst mal zur EEG-Umlage: 2003 startete sie mit 0,41 ct€/kWh. 2004 (0,58 ct€/kWh) verkündete Jürgen Trittin, damals Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit: „Es bleibt dabei, dass die Förderung erneuerbarer Energien einen durchschnittlichen Haushalt nur rund 1 Euro im Monat kostet – so viel wie eine Kugel Eis.“ (Anm.: Der Durchschnitts-Stromverbrauch eines Haushalts liegt typischerweise bei 200-500 kWh/Monat, das kommt in etwa hin). Selbst 2009 waren es, um in Trittinscher Diktion zu bleiben, nur zwei Kugeln Eis im Monat (1,13 ct€/kWh). Dann ging es rapide aufwärts: 2010 2,05 ct€/kWh, 2011 3,53 ct€/kWh, 2012 geringfügig darüber mit 3,59 ct€/kWh, dann 2013 der nächste Sprung auf 5,28 ct€/kWh und 2014 auf 6,24 ct/kWh. Danach fiel die EEG-Umlage erstmals leicht und liegt 2015 bei 6,17 ct€/kWh. Das ist aber eben nur ein Teil der Wahrheit. Denn gleichzeitig haben Erneuerbare Energien einen senkenden Effekt auf den Strombörsenpreis (der sogenannte Merit-Order-Effekt, siehe auch obige Grafik). Die spannende Frage ist nun: Wie groß ist dieser Effekt? Wo lägen die Strompreise, wenn die Erneuerbaren Energien nicht wären?

Was behauptet die Studie:

„Tatsächlich belastete die „EEG-Umlage“ deutsche „Letztverbraucher“ … im Jahr 2014 sogar mit 6,24 ct pro kWh – mehr als 20% des Strompreises von Privathaushalten. Gleichzeitig fielen die Handelspreise an der Leipziger Strombörse auf historische Tiefststände. Ein Überangebot an Erneuerbaren Energien … sorgte für einen Preisverfall an den Strommärkten, der die Kosten der EEG-Umlage teilweise kompensierte.“ Bis hierhin nur eine teilweise Kompensation, es kommt aber noch dicker. „Dass es andererseits auch ohne den massiven Zubau Erneuerbarer Energien zu erheblichen Preissteigerungen an den Strommärkten gekommen wäre, wird in der öffentlichen Diskussion derzeit nicht wahrgenommen. Bereits Ende der 90er Jahre kam der Ausbau konventioneller Kraftwerke in Deutschland ins Stocken. Zwischen den Jahren 2002 und 2010 wurde in Deutschland kein einziges Kohlekraftwerk neu in Betrieb genommen. Gründe hierfür waren nicht die damals noch in den Kinderschuhen steckenden Erneuerbaren Energien, sondern die Folgen der Liberalisierung europäischer Strommärkte, die damals steigenden Erdgaspreise, politische Unsicherheiten um CO2-Zertifikate und die geringe Akzeptanz großer Kraftwerksprojekte.“ D.h. der Strombörsenpreis ist deshalb so niedrig weil der Strom überwiegend aus abgeschriebenen Altanlagen kommt. Obwohl man aus Gründen der Versorgungssicherheit eigentlich neue Kraftwerke hätte bauen müssen, im liberalisierten Markt fühlte sich aber niemand dafür zuständig.

„Nach der Katastrophe von Fukushima im März 2011 entschied sich die Bundesregierung für den Ausstieg aus der Kernenergie. Die Stilllegung von acht der siebzehn deutschen Kernkraftwerke hätte – ohne Erneuerbare Energien – zu Versorgungsengpässen und steigenden Strompreisen geführt.“ Klare Worte – der Ausstieg aus der Kernenergie kam dem Verbraucher teuer zu stehen. So oder so.

„Die Analyse [der Spotmarkt-Preise der Leipziger Strombörse EEX] zeigt, dass sich im „Day-Ahead“-Handel des Spotmarktes die Strompreise ohne Wind und Sonne beispielsweise für das Jahr 2013 aufgrund des erheblich geringeren Stromangebots im Mittel um 5,29 ct/kWh erhöht hätten. Den Kosten der EEG-Umlage von ca. 20,4 Mrd. Euro stehen also in 2013 Einsparungen für konventionell erzeugten Strom von ca. 31,6 Mrd. Euro gegenüber. Dies sparte für die deutschen Letztverbraucher 2013 insgesamt ca. 11,2 Mrd. Euro ein.“ Das ist eine Ansage. Aber wie bemerkt: es hatte eben auch etwas mit dem „erheblich geringeren Stromangebot“ zu tun. Ohne AKW-Abschaltung oder auch mit neuen Kohlekraftwerken, deren Bau dann natürlich schon um das Jahr 2000 hätte beginnen müssen, wäre das Angebot vor allem von preiswertem Strom höher gewesen und die Differenz wohl nicht so hoch ausgefallen.

Über 269 Stunden des Jahres hätte die Nachfrage mit der maximal im Jahr 2013 angebotenen Leistung nicht gedeckt werden können. Dies bedeutet nicht automatisch, dass in diesen Situationen Großstörungen („Blackouts“) entstanden wären, da die Betrachtung Reservekraftwerke für Systemdienstleistungen („Regelreserve“) und mögliche zusätzliche Stromimporte nicht berücksichtigt.“ Diese Systemdienstleistungen werden in der Tat nicht über den Börsenpreis sondern vielmehr über die Netzgebühren finanziert – und diese wurden in der Studie überhaupt nicht betrachtet, gehören aber auch zum Strompreis. „Stabiler Netzbetrieb war in diesen Situationen allerdings nur durch die Einspeisung Erneuerbarer Energien sicher gewährleistet.“ Nun ja, zum Glück hat in diesen Stunden offenbar die Sonne geschienen bzw. der Wind geweht.

„Die Folge eines hohen Angebots Erneuerbarer Energien sind entsprechend nicht nur drastisch reduzierte Erlöse der Stromversorger durch die niedrigen Börsenpreise, sondern darüber hinaus hohe Verluste aufgrund zu geringer Laufzeiten der Kraftwerke. Aus diesem Grund beantragten zuletzt zahlreiche EVUs die Stilllegung ihrer Gaskraftwerke.“ Und was ist wenn wir diese Kraftwerke dennoch brauchen? Es ist also eine finanzielle Einsparung zu Lasten der Versorgungssicherheit, diese Einsparung kann uns noch teuer zu stehen bekommen. Nicht zu früh über die 11,2 Milliarden freuen.

„Für die Jahre 2011 bis 2013 errechnet sich eine Strompreissteigerung von 3,23 ct/kWh
im Jahr 2011 bis 5,29ct/kWh im Jahr 2013. Die Preissteigerung liegt damit in derselben Größenordnung, wie die jeweils geltende EEG-Umlage. Für den nicht-privilegierten Letztverbraucher – also vor allem Privatkunden, Gewerbe und Handel – wären Strompreise also ohne Erneuerbare Energien im gleichen Maß gestiegen, wie sie durch die EEG Umlage gestiegen sind.“ Also ein Nullsummenspiel. Aber Moment: Oben war doch von Milliardeneinsparungen die Rede. Die Erklärung kommt sofort: „Deutlich ungünstiger hätten sich Stromkosten dagegen für privilegierte Letztverbraucher entwickelt, die als energieintensive Betriebe von der EEG-Umlage befreit sind. Diese Betriebe profitieren besonders vom Preisverfall an den Strombörsen der letzten Jahre. Der Anteil der Erzeugung an den Stromkosten hätte sich für diese Verbraucher ohne Wind und Photovoltaik zuletzt mehr als verdoppelt.“ Und zwar wurden die folgenden Preise ermittelt: 2011 hätten die privilegierte Letztverbraucher ohne Erneuerbare Energien im Schnitt 8,4ct€/kWh statt tatsächlich nur 5,2 ct€/kkWh zahlen müssen. 2012 wären es 8,2 ct€/kWh statt 4,3 ct€/kWh gewesen. Und 2013 – man halte sich fest – 9,1 ct€/kWh statt tatsächlich nur 3,8 ct€/kWh! Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Wenn also immer so ganz salopp behauptet wird, dass die Energiewende der deutschen Wirtschaft schadet, muss dem entgegengesetzt werden: Nicht der gesamten deutschen Wirtschaft. Die ganz Großen profitieren davon. Der vielzitierte Hartz-IV-Empfänger subventioniert über seine Stromrechnung nicht nur die PV-Anlage des Hausbesitzers, sondern auch die Profite der Großindustrie.

„Im Jahr 2013 wäre es .. in 269 Handelsperioden [Stunden] zu einer Situation gekommen, in der das maximale Angebot nicht mehr die Nachfrage am Spotmarkt hätte decken können [wenn die Erneuerbaren Energien nicht gewesen wären] . Eine zusätzliche Leistung von bis zu 5.638 MW wäre benötigt worden, um diese Unterdeckung auszugleichen. Dies entspricht der Leistung von 4 bis 5 Kernkraftwerken.“ Ups. „Demgegenüber steht eine maximale elektrische Nettoimportleistung 2013 von 7.400 MW. Diese ist allerdings stark abhängig von der Auslastung der jeweiligen Netzkoppelstellen und von der Nachfragesituation im Ausland. … In den vergangen Jahren war es vielmehr während solcher Engpass-Situationen, beispielsweise im Februar 2012, oft der Fall, dass Deutschland Strom in Nachbarländer (v.a. Frankreich mit einem Peak-Verbrauch > 100 GW) exportieren musste, um die dortigen Netze zu Spitzenlastmomenten zu unterstützen.“ Noch mal: zum Glück hat in dem Moment in Deutschland offenbar die Sonne geschienen oder der Wind geweht.

„So wäre beispielsweise in 2013 der bundesdeutsche Gasverbrauch um ca. 270 TWh und damit 24% gestiegen, wenn die Einspeisung aus regenerativen Energien in Höhe von 147 TWh durch die Erzeugung mit hocheffizienten Gaskraftwerken hätte ersetzt werden
müssen. Weniger effiziente, einfache Gasturbinenanlagen hätten den Erdgasverbrauch entsprechend um ca. 50% erhöht. Diese Effekte hätten nicht nur an Elektrizitätsmärkten sondern auch an anderen Energiemärkten (insbesondere am Wärmemarkt) Preissteigerungen zur Folge und somit weiterreichende volkswirtschaftliche Auswirkungen.“ Richtig. Die obigen Kostenschätzungen wurden unter Annahme konstanter Rohstoffpreise gemacht, in Wahrheit sollte eine Verbrauchserhöhung jedoch zu einer Preissteigerung führen (deren genaue Höhe sich aber natürlich nur schwer abschätzen lässt). Und die Frage woher das zusätzliche Gas kommen soll (Russland? Qatar? Fracking?) wurde noch gar nicht angeschnitten.

„Ein reduziertes Stromangebot in Europa hätte sich möglicherweise auf die Preissituation in anderen Europäischen Staaten mit schlechterer Versorgungssituation (z.B. Italien) noch wesentlich drastischer ausgewirkt als in Deutschland. Dortige Preissteigerungen hätten indirekt wiederum auch auf den deutschen Strommarkt zurück gewirkt.“ Also hat Deutschland dank der Erneuerbaren Energien wieder mal Europa gerettet. Gerettet natürlich auch vor den Folgen des deutschen Kernenergieausstiegs.

Fazit: So platt wie die Situation nicht zuletzt auch durch „Energieexperten“ der Alternative für Deutschland immer mal gern dargestellt wird (lasst uns das EEG abschaffen und den Markt alles regeln, dann wird der Strom schön billig und alles wird gut) ist es offenbar nicht. Und: Wer Nein sagt zur Kenenergie kommt an einem Ja zu Erneuerbaren Energien nicht vorbei und kann für sich nicht das Recht auf einen windmühlenfreien Horizont beanspruchen.

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