AfD NRW sucht weiter den Superstar

Seit vergangenem Samstag (1.2.2014) steht die insgesamt 28 Personen umfassende Liste der Alternative für Deutschland zur Europawahl. Und NRW erlebte in Aschaffenburg und Berlin ihre Bielefeld-Verschwörung. Aber der Reihe nach: Die Bundesliste der AfD zur Europawahl sollte am 18. Februar 2014 auf einer Bundesdelegiertenversammlung in Aschaffenburg gewählt werden. An einem Tag also. Wie also vermeiden dass es mal wieder länger dauert (die Kandidatenaufstellung zur Bundestagswahl lässt grüßen), ohne am demokratischen Prinzip (jeder, der sich berufen fühlt, darf kandidieren) zu rütteln?

Man macht einen Vorentscheid auf Länderebene. Da die Satzung keinen bindenden Vorentscheide vorsieht, konnte er natürlich nur empfehlenden Charakter haben. Aber aussichtslosen Kandidaten sollte schon im Vorentscheid signalisiert werden, dass sie genau das sind und sie den Delegierten in Aschaffenburg besser nicht die Zeit stehlen. Und umgekehrt sollte der Vorentscheid natürlich den Gewinnern auf Länderebene den nötigen Rückenwind für die Bundesdelegiertenversammlung geben.

So weit, so gut. Nicht jedes Bundesland führte einen Vorentscheid durch, insbesondere BaWü verzichtete darauf und vertraute (wie sich zeigte zu Recht) auf die Strahlkraft ihrer Kandidaten auf der Bundesdelegiertenversammlung. Aber NRW zog die Show durch. Ein Vorschlag zur Durchführung einer elektronischen Urwahl scheiterte (er war wohl etwas unglücklich platziert. Im Nachhinein hätte betrachtet wäre wohl auch diese elektronische Urwahl bedeutungslos gewesen, aber sie hätte eine schöne Gelegenheit zu einem IT-Experiment geboten). Am 11. Januar versammelten sich die NRW-Mitglieder in Erkrath und wählten eine 5 Personen umfassende Liste, mit dem ehemaligen NRW-Landessprecher und Bundestagswahl-Landeslisten-Spitzenkandidat Alexander Dilger an der Spitze. Eine neue Chance für Dilger?

Nun, das Mitgliedervotum von Erkrath war wie gesagt nicht bindend. Die NRW-Delegierten (welche bereits im Dezember 2013 gewählt wurden, also bevor die Mitglieder Alexander Dilger zum „Spitzenkandidaten“ machten) hatten durchaus das Recht, eine andere Meinung zu haben. Und die Delegierten der anderen Bundesländer sowieso. Es kam wie es kommen musste: Erkrath, Mitgliedervotum und Vernunft hin oder her, natürlich fühlten sich wieder jede Menge NRWler zur Kandidatur in Aschaffenburg berufen. Alle auf einmal auf die vorderen Plätze. Praktischer Erfolg: Marginale Prozente, schlechter Eindruck, und die Zeit ging flöten. Mit der Wahl zu Platz Sechs war die Zeit in Aschaffenburg abgelaufen, die Delegiertenversammlung musste in die Verlängerung eine Woche später in Berlin gehen, wobei sich ein Großteil der Delegierten die nochmalige Teilnahme sparte. Und diejenigen, die es doch noch mal auf sich nahmen waren mehrheitlich offenbar keine Dilger-Fans.

Alexander Dilgers Stern ging damit unter, aber ein anderer Stern aus NRW ging auf. Er hatte sich dem Mitgliedervotum in Erkrath gar nicht erst gestellt, wohl in der weisen Voraussicht dass ein schlechtes Abschneiden schaden, ein gutes hingegen nichts nützen würde. Alles was zählte war, die Delegierten zu überzeugen. Und das brauchte kein Vertrauen auf Rückendeckung durch wen auch immer. Es brauchte eine Mischung aus Professionalität, Chuzpe und Unverbrauchtheit (also genau das was die AfD ausmachen sollte). Professionalität hatte Dilger sicher auch. Aber den Rest hatte Marcus Pretzell aus Bielefeld. Denn Chuzpe gehörte schon dazu, gegen den haushohen Favoriten und Vorstands-Wunschkandidat Hans-Olaf Henkel um Platz 2 anzutreten. Und Unverbrauchtheit, die hat er (während sie dem anderen, ebenfalls aus NRW stammenden Gegenkandidaten Henkels mittlerweile fehlt. Und Dilger hat sie leider auch nicht mehr). Platz 2 wurde es natürlich nicht, aber Marcus Pretzell blieb den Delegierten gut genug in Erinnerung um Platz 7 souverän zu erobern (außer ihm konnte NRW nur die Plätze 16 und 28 besetzen). Sollte die AfD also 7% oder mehr bei der Europawahl bekommen, ist Pretzell dabei (und selbst wenn nicht, hat er gute Chancen falls aus dem einen oder anderen Grund ein Nachrücker erforderlich wird). Update: die AfD erhielt 7 Sitze, Pretzell ist also drin.

Selbstverständlich gefiel dieser Ausgang Alexander Dilger gar nicht. Die gesammelten Vorwürfe Dilgers kann man auf seinem Blog nachlesen (und die Gegenrede dazu auf Pretzells Facebook-Seite). Nur, hätte es für Dilger gereicht wenn er etwas mehr Rückendeckung etwa vom Landesvorstand NRW gehabt hätte? Seien wir doch mal ehrlich: Niemand streitet ab, dass Dilger, seines Zeichens Professor für Volkswirtschaftslehre an der Uni Münster, etwas von der Materie versteht. Nur, mit seiner beruflichen Qualifikation hat er in der AfD kein Alleinstellungsmerkmal. Und wenn die ersten Plätze bereits durch Berufskollegen besetzt sind, wird es besonders schwer. Schließlich will und muss die AfD sich etwas vielseitiger als nur als Professorenpartei präsentieren. Und was Dilger leider fehlt ist das, was die Engländer als X-Faktor bezeichnen (die auf der Insel populäre Sendung „The X-Factor“ ist das Äquivalent zu „Deutschland sucht den Superstar“). Politik ist kein Ponyhof, sie ist ein Haifischbecken, und es sind eben auch die Personen mit Ecken und Kanten, welche die AfD (und jede andere Partei auch) für den Erfolg benötigt. Und daran fehlt es in NRW. Im März 2013 hatte Alexander Dilger die Mehrzahl der NRW-Mitglieder noch hinter sich. Sein bescheiden-höflich-korrektes Auftreten stand so ganz im Gegensatz zum Bild des rechtskonservativen Wutbürgers, welches die Medien so gern über die AfD zeichneten. Allerdings, die Außenwirkung Dilgers im Bundestagswahlkampf war praktisch Null, und die AfD NRW fuhr entsprechend bei der Bundestagswahl das drittschlechteste Ergebnis auf Länderebene ein.

Marcus Pretzell nun also der neue Superstar der AfD NRW? Wir werden sehen wie er sich schlägt und was er politisch vorhat. Und auf jeden Fall hat die AfD im Bund und in NRW jetzt lange Zeit, um sich ein neues effizientes und gleichzeitig demokratisches Verfahren zur Listenaufstellung auszudenken (Bundestagswahlen und NRW-Landtagswahlen finden turnusmäßig erst 2017 und Europawahlen 2019 wieder statt).

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3 Gedanken zu „AfD NRW sucht weiter den Superstar

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