SIE entscheiden! Nicht die Meinungsforscher.

Diesen Slogan habe ich von Plakaten der Aachener FDP kopiert (und es ist gut möglich dass es der FDP am Wahlabend lieber wäre, die Meinungsforscher hätten entschieden). Aber der Slogan ist gut! SIE entscheiden, ob die Alternative für Deutschland über 5 Prozent kommt. Womit wir beim generellen Problem der Wahlprognosen wären. Landläufig stellen sich ja viele Menschen vor, dass diese Institute eine ausgewählte Anzahl an Personen nach ihren Wahlvorstellungen befragen, und dann das Ergebnis so veröffentlichen. Ganz so simpel ist es aber nicht. Denn die Meinungsforscher haben hier mit zwei Problemen zu kämpfen:

  • Es werden viel zu wenig Personen befragt, typischerweise unter 3000 (die genauen Zahlen gibt es auf dieser Webseite, einfach den Namen des jeweiligen Instituts anklicken). Zum Vergleich: bei der Bundestagswahl 2009 gab es 43.371.190 gültige Stimmen. D.h. die Zahl der Befragten entspricht weniger als 0,007% der gültigen Stimmen. Repräsentativ (nach gängigen wissenschaftlichen Maßstäben) kann so etwas gar nicht sein. Und in der Tat variieren Umfrageergebnisse wesentlich stärker als die tatsächlichen Ergebnisse von Wahl zu Wahl. Insofern sind die Institute in der Regel auf der sicheren Seite wenn sie in ihren Prognosen einen gewissen Konservatismus einrechnen (d.h. wenn sie annehmen dass die Masse genauso wählt wie beim letzten Mal).
  • Ein Großteil der Wähler entscheidet sich erst sehr kurzfristig (angeblich jeder Dritte erst 72 Stunden vor der Wahl). Laut Politikwissenschaftler Nils Diederich (FU Berlin) ist die Unentschlossenheit umso größer, je weniger kontrovers die Auseinandersetzung zwischen den Parteien sind (der gegenwärtige Wahlkampf ist, abgesehen von den AfD-Einwürfen, in der Tat zum Einschlafen). In einer solchen Situation würden sich die Wähler auf Personen konzentrieren. Davon dürften diesmal vor allem CDU/CSU profitieren. Und derartige Effekte werden durch die Wahlforschungsinstitute natürlich eingerechnet.

Zusammengefasst: Es ist offensichtlich dass zur Erstellung einer Wahlprognose (welche ja nicht den Ist-Zustand abbilden sondern das tatsächliche Wahlergebnis vorhersagen soll) Korrekturen an den Umfrageergebnissen vorgenommen werden müssen. Allerdings, streng wissenschaftlich objektiv wird hier nicht unbedingt vorgegangen. So äußerte sich Allensbach-Chefin Renate Köcher nach den baden-württembergischen Landtagswahlen 1996 in einem SPIEGEL-Interview wie folgt:

„Ich persönlich habe aufgrund des Trends von 2 bis 3 Prozent auf 4,5 Prozent innerhalb weniger Wochen angenommen, dass [die Republikaner den Wiedereinzug in den Landtag] schaffen würden. Aber es wäre fahrlässig gewesen, mit dieser Vermutung an die Öffentlichkeit zu gehen. … Wir haben beschlossen, dass wir nur mit jenem Resultat an die Öffentlichkeit gehen können, das uns vorlag: 4,5 Prozent. Hätten wir unsere Annahme veröffentlicht, wäre uns das im nachhinein als Versuch ausgelegt worden, die Republikaner hochzureden.“

Die Republikaner erhielten übrigens 9,1 Prozent. Ob man bei der Alternative für Deutschland ähnliche „Vorsicht“ walten lässt? Am Sonntagabend sind wir schlauer.

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